Female Agents – Geheimkommando Phoenix

Im Mai 1944 rekrutieren Louise Desfontaines (Sophie Marceau) und ihr Bruder Pierre (Julien Boisselier) im Londoner Exil vier Frauen für einen Geheimauftrag. Zwar sind bis auf Louise alle anderen Frauen militärisch unerfahren, haben aber Jede für sich spezielle Kenntnisse, die bei der Lösung des Auftrags nützlich sein könnten. Die Gruppe soll nämlich in Frankreich SS-Offizier Heindrich (Moritz Bleibtreu) eliminieren, der kurz davor ist, den Geheimplänen der Alliierten für die Landung in der Normandie auf die Schliche zu kommen.

Ein britischer Geologe, der von den Plänen weiß, befindet sich als angeblicher Spion in deutscher Gefangenschaft. Zwar gelingt es der Gruppe, den Geologen zu befreien, doch Heindrich überlebt die Befreiungsaktion. Notgedrungen müssen Louise und die anderen Mitglieder der Widerstandsgruppe in Frankreich bleiben, um den gestellten Auftrag zu erfüllen. Als Pierre, der Kommandeur der Gruppe, den Deutschen in die Hände fällt, sind die Frauen auf sich allein gestellt. Sie machen sich auf nach Paris, um Heindrich endgültig zu töten. Doch auch der hat bereits den Feind ausgemacht und jagt die Frauen. Es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, den Heindrich zu gewinnen scheint, denn die Gruppe um Louise wird nach der Verhaftung von Gaelle (Deborah Francois), der Jüngsten im Team, immer kleiner. Als schließlich auch noch Louise beim Versuch, Heindrich eine Falle zu stellen, festgenommen wird, scheint der Plan endgültig zu scheitern. Aber so schnell geben Jeanne (Julie Depardieu) und Suzy (Marie Gillain) nicht auf…

Louise und Pierre haben den Geologen befreit und verstecken sich vor den Verfolgern.

„Female Agents – Geheimkommando Phoenix“ des französischen Regisseurs Jean-Paul Salomé ist kein reiner Kriegsfilm, der einmal mehr irgendeine beliebige Schlacht des 2. Weltkrieges nacherzählt. Es ist vielmehr ein actiongeladener, spannender und wendungsreicher Spionagefilm um ein Projekt der Alliierten, das so tatsächlich existierte. Auch Louise Desfontaines ist eine reale Person der Zeitgeschichte. Regisseur Salomè verpackte das Ganze in eine fiktive Handlung.

Herausgekommen ist ein bemerkenswertes Abbild der damaligen Zeit. Die meisten Filmaufnahmen entstanden in historischen Gebäuden und an Original-Schauplätzen und weniger in Filmstudios. Um authentisch und möglichst nah an der Realität zu sein ließ sich Salomè während der Folterszenen im Gestapo-Keller von einem Historiker beraten. Und schließlich griff Salomè auch auf vorhandenes Archivmaterial zurück.

„Female Agents“ ist aber auch ein Frauenfilm in bester französischer Tradition. Fünf Frauen, die unterschiedlicher nicht sein können, raufen sich zusammen, wenn es drauf an kommt. Angeführt von einer grandiosen Sophie Marceau versammelte Salomé eine exzellente Darstellerriege um sich. Besonders Marceau und Moritz Bleibtreu liefern sich ein famoses Katz-und-Maus-Spiel.

Moritz Bleibtreu spielt den SS-Offizier Heindrich

Moritz Bleibtreu als Heindrich entspricht so gar nicht dem typischen Klischeebild eines Nazis, das man von ausländischen Produktionen kennt. In „Female Agents“ spielt er mit einer solchen Härte, daß – so die Aussage des Regisseurs im Audiokommentar – sogar seine Filmpartnerin Sophie Marceau erschrocken zurückwich.

Marceau selber war während der Dreharbeiten nicht zimperlich zu sich selbst und nahm auch die eine oder andere Blessur oder Ohrfeige in Kauf. Was jedoch besonders bei Großaufnahmen auffällt sind die gereiften Gesichtszüge einer Frau, die sich längst vom Image der kleinen Vic Berreton aus der „La Boum“-Reihe verabschiedet und sich zu einer gestandenen, mittlerweile gesamteuropäischen, Schauspielerin entwickelt hat.

Gaelle, Louise, Suzy und Jeanne bei ihrer Ankunft in Paris

Mit “Female Agents“ gelang Jean-Paul Salomé ein kleines Meisterwerk, daß sich wohltuend von den blutrünstigen Abschlachtorgien anderer Filme mit WK-II-Thematik unterscheidet. Und er beweist, daß man auch in Europa mit einem vergleichsweise geringen Budget einen ordentlichen Actionfilm drehen kann, der für Spannung beim Zuschauer sorgt. Gutes Kino kommt schon lange nicht mehr nur aus Hollywood!

Marie Gillain spielt Suzy
alle Fotos: © Koch Media

Die 2-Disc-Collector’s Edition bietet neben dem Hauptfilm auch jede Menge Bonusmaterial. So befindet sich auf der Bonus-DVD ein 50-minütiges „Making of“, welches anschaulich und ausführlich von den Dreharbeiten berichtet und auch zeigt, wie Film wirklich funktioniert, wenn es um Spezialeffekte geht.

Die „geschnittenen Szenen“, Trailer und einen Bericht vom Casting Deborah Francois‘ runden die Bonus-Disc ab.

Etwas nervig ist der Audiokommentar des Regisseurs, der bei fast jeder Einstellung die Ausstattung und die Kostümbildner über alle Maßen lobt. Wenigstens erfährt man etwas über den Wahrheitsgehalt der Story und die Zusammenarbeit der Schauspieler untereinander.

Die eigentliche DVD-Box befindet sich in einem Pappschuber, auf dem der Titel-Schriftzug reliefartig hervorgehoben wird.

Film-Daten:
Frankreich, 2008
Originaltitel: Les femmes de l´ombre
Spielzeit: 112 min

Die Rollen und ihre Darsteller

Louise Desfontaines – Sophie Marceau
SS Colonel Heindrich – Moritz Bleibtreu
Jeanne Faussier – Julie Depardieu
Suzy Desprez – Marie Gillain
Gaelle Lemenech – Déborah Francois
Maria Luzzato – Maya Sansa
Pierre Desfontaines – Julien Boisselier
Eddy – Vincent Rottiers
Lieutenant Becker – Volker Bruch

Stab

Regie – Jean-Paul Salomé
Drehbuch – Jean-Paul Salomé, Laurent Vachaud
Kamera – Pascal Ridao
Szenenbild – Francoise Dupertuis
Kostüm – Pierre-Jean Larroque

Viel Zuspruch für „Auf der Suche“ beim Cottbuser Filmfestival

25-FFCottbus-Marke-long-I_weiss_webIm Rahmen des 25. Filmfestival Cottbus stellte Filmemacher Erik Schiesko am Dienstagnachmittag sein neuestes Projekt vor. Mit „Auf der Suche“ – so der Name des Filmes – wagt sich Schiesko auf neues Terrain. Zum ersten Mal wird ein Film interaktiv auf die Kinoleinwand gebracht, d.h. es entsteht ein Spielfilm mit Computerspieleinlagen. Oder, je nach Betrachtungsweise, ein Computerspiel mit Filmsequenzen.

Erfahrungen, ob und wie es funktioniert, gibt es bisher noch nicht. Entsprechend tief stapelt Erik Schiesko bei der Vorstellung des „Making Of“ zum Film in der Kammerbühne in Anwesenheit einiger Mitwirkender, darunter Hauptdarstellerin Vanessa Jordan-Heinrich in Vertretung des erkrankten Leander Linz. „Was Sie gleich sehen werden, sind etwa 10% von der Endfassung. Vieles ist noch unbearbeitet oder muss noch programmiert werden. Wir wissen selber nicht, wie es auf der großen Kinoleinwand wirkt und bitten deshalb um Ihre Anregungen!“, entschuldigt sich Erik Schiesko schon mal vorab.

2015-11-03_FFC_Auf der Suche_(c) Thoralf Haß

v.l.n.r.: Robert Baruck (Programmierer), Erik Schiesko (Regie), Olaf Pöschk (Spieldesign), Vanessa Jordan-Heinrich (Hauptdarstellerin)

Die Handlung des Filmes ist schnell erzählt: Ein junger Reporter kommt einer Verschwörung auf die Schliche. Er findet in einem Archiv einen Artikel aus den 80er Jahren, welcher seinen Tod beschreibt. Auf der Suche nach der Wahrheit deckt der Held nach und nach die Geschichte einer verflossenen Liebe auf, die für sein eigenes Schicksal verantwortlich scheint.
Die Filmsequenzen wurden komplett in der Lausitz gedreht, u.a. in Cottbus, Jänschwalde oder Forst.

Zunächst startet „Auf der Suche“ wie ein gewöhnlicher Spielfilm. Ein Sprung ins Jahr 1986 zeigt, wie sich ein junges Paar findet. Dialoge, Filmmusik, Vorspann – alles wie gehabt. Dann der Sprung in die Gegenwart. Plötzlich friert das Bild ein. Nun muss der Zuschauer am Computer durch Lösen verschiedener Aufgaben herausfinden, wie die Handlung fortgesetzt werden kann. Lukas Schuck, Schauspieler an der „BÜHNE acht“, traut sich diesen Part zu. Und während sich Lukas durch die virtuellen Welten klickt, erläutern Erik Schiesko, Spieldesigner Olaf Pöschk und Programmierer Robert Baruck den Zuschauern, was später zu beachten sein wird und wie das Konzept der Interaktivität funktioniert.

„Es war für mich, der nicht so oft am Computer spielt, einfach, die Aufgabenstellung zu verstehen und umzusetzen.“, fasst Lukas Schuck seine Erfahrungen zusammen. Auch aus dem Publikum kommt nur positive Resonanz. Ablehnende Meinungen gibt es keine, alle sind überrascht, welche Möglichkeiten sich durch die Kombination von Spielfilm und Computerspiel ergeben. Selbst Fachbesucher des Filmfestivals attestieren Erik Schieskos Projekt Potenzial fürs Kino. Auch für jemanden, der die Lausitz nicht kennt, ist der Film sehenswert, erfährt er doch durch eingebaute Überraschungen so einiges.

Welch gewaltige Arbeit hinter dem Projekt steht, erläuterte Erik Schiesko anhand einiger Beispiele aus der Produktionsphase. Mehrere hundert Gigabyte Daten müssen verarbeitet werden. Robert Baruck musste sich ein neues Computerprogramm schreiben, um die Interaktion darstellen zu können. Lange ToDo-Listen, die noch abzuarbeiten sind, und Darstellungen logischer Verknüpfungen der im Spiel gesammelten Hinweise zeugen vom enormen Aufwand.

Bis zur Premiere am 22. Januar 2016 im Cottbuser Weltspiegel steht für Erik Schiesko und Robert Baruck noch viel Arbeit an. Den Zuspruch und die Vorschläge von Film- und Computerfreaks, den die Beiden bei der gestrigen Präsentation erhielten, können alle an dem Projekt Beteiligte gut gebrauchen. Gut möglich, dass mit „Auf der Suche“ ein komplett neues Filmgenre geschaffen wird.

Everybody’s Famous – Jeder ist ein Star

Everybodys FamousOriginaltitel: Iedereen beroemd!
Frankreich, Belgien, Niederlande 2000
Kinostart Deutschland: 07.02.2002
ca. 97 min

Jean (Josse De Pauw) ist ein einfacher Fabrikarbeiter und arbeitet am Fließband. Sein größter Wunsch ist es, daß seine Tochter Marva (Eva van der Gucht) eine erfolgreiche Sängerin wird. Dabei scheitert diese ständig bei örtlichen Gesangswettbewerben kläglich. Das liegt nicht nur daran, daß Marva etwas pummelig ist, sondern auch, weil ihre Gesangskünste wirklich bescheiden sind. Aber das kann einen Vater wie Jean nicht davon abhalten, einen Song zu komponieren, auch wenn Marva mittlerweile von den Bemühungen ihres Vaters genervt ist.

Als Jean auch noch seinen Job verliert, entführt er in seiner Verzweiflung mit seinem Kumpel Willy (Werner De Smedt) die beliebteste Sängerin des ganzen Landes, Debbie (Thekla Reuten). Als „Lösegeld“ fordert Jean von Debbies Manager, daß der eine Platte mit Marva aufnimmt, natürlich auch mit seinem Lied. Alles läuft prima – zunächst. Denn die Platten der Geisel verkaufen sich plötzlich wie verrückt und bescheren dem Manager somit eine Menge Geld. Also warum soll er Debbie zurücknehmen?

Willy verliebt sich auch noch in Debbie und brennt mit ihr durch. Die ganze Sache scheint Jean aus den Händen zu gleiten, denn die Polizei rückt auch schon an…

Was sich wie die Story eines Thriller anhört, ist eine amüsante Komödie des flämischen Regisseurs . Glücksgriff bei der Wahl der Darsteller war sicherlich die Besetzung der Debbie mit dem niederländischen Filmstar Thekla Reuten, bei uns eher bekannt aus Filmen wie „Rosenstrasse“ oder „Zwillinge„. In „Ledereen Beroemd“ (so der Originaltitel des Films) zeigt Thekla Reuten, daß sie nicht nur gut schaupielern, sondern auch singen kann, denn die beiden Gesangstitel der Debbie wurden von Thekla Reuten eingesungen und erschienen sogar als Single-Auskopplung im Nachbarland. Auch die Titelmelodie „Lucky Manuelo“ wurde im Original von Marva alias Eva van der Gucht interpretiert. Und ganz nebenbei gibt es im Film noch Gastauftrite von Freddy Mercury- und Julio Iglesias-Doubles.

Josse De Pauw spielt den einfachen Mann, den Verlierer, der nicht aufgibt und an seine Träume glaubt, so stark, daß man ihm die Rolle ohne Zweifel abnimmt. Werner De Smedt als Willy dagegen wirkt manchmal etwas zu bemüht, den einfachen Menschen darzustellen.

„Jeder ist ein Star“ ist einerseits eine Milieustudie der Bewohner einer Siedlung, deren einziger Arbeitgeber Pleite macht, und auf der anderen Seite ist der Film Zeugnis über die Machenschaften im Showgeschäft und die Macht der Medien. Das wird besonders dann auffällig, wenn die entführte Debbie die Fernsehnachrichten Ihrer eigenen Entführung kommentiert.

Der Film ist sehr unterhaltsam, auch wenn er nicht der große Abräumer in den Kinos war. Aber gute europäische Filme haben es meistens immer schwerer, das richtige Publikum zu finden. Die den Film gesehen haben, waren beigeistert und vergaben Publikumspreise an diesen Film. 2001 folgte eine Nominierung für den Oscar als bester fremdsprachiger Film.

Filmkritik veröffentlicht:

03.03.2008 Zelluloid klein

Die Zwillinge (Twin Sisters)

TwinSisters_Plakat-D-1Originaltitel: De Tweeling
Niederlande, Luxemburg 2002
Kinostart Deutschland: 07.10.2004

1926: Nach dem Tod ihrer Eltern werden die sechsjährigen Zwillinge Lotte und Anna Bamberg getrennt. Während die an Tuberkulose erkrankte Lotte zu weitläufigen Verwandten in die Niederlande abgeschoben wird, kommt Anna bei Ihrem Onkel Heinrich (Ingo Naujoks) unter. Statt wie alle anderen Mädchen in ihrem Alter die Schulbank zu drücken, muß Anna auf dem Bauernhof ihres Onkels Schwerstarbeit leisten. Sie wünscht sich so sehr, ihre Schwester wieder zu sehen. Auch Lotte, inzwischen genesen, schreibt Briefe an ihre Schwester. Doch Lottes Pflegeeltern schicken die Briefe nicht ab. Und so glaubt jede der Schwestern, daß der andere Zwilling nicht mehr von Einem wissen will. Hinzu kommt, daß sowohl Onkel Heinrich als auch Lottes Pflegeeltern die jeweils andere Partei schlecht reden…

Zehn Jahre sind aus den kleinen Mädchen bildhübsche Teenager geworden. Aber auch die Zeiten haben sich geändert. Anna (Nadja Uhl) schuftet immer noch für ihren Onkel und verliebt sich in Bernd, einem überzeugten Nationalsozialisten. Als Heinrich von der Beziehung erfährt, schlägt er Anna halbtot. Der Dorfpfarrer findet die bewußtlose Anna und rettet sie aus den Klauen ihrer Verwandtschaft. Anna ist endlich frei und lernt auf an einer Haushaltsschule.

Auch Lotte (Thekla Reuten) hat sich verliebt. David ist der Sohn jüdischer Freunde ihrer Familie. Aber noch immer gibt es keinen Kontakt zu ihrer Schwester.

Wieder vergehen Jahre. Anna hat inzwischen eine Anstellung bei einer Gräfin (Barbara Auer) bekommen. Lotte macht Heiratspläne mit ihrem David. Durch Zufall findet sie in einer Schatulle die nie abgeschickten Briefe an ihre Schwester. Sie stellt ihre Pflegeeltern zur Rede und erfährt die Wahrheit. Sofort beschließt Lotte, Kontakt zu Anna aufzunehmen, um sie zu besuchen.

Trotz großer Wiedersehensfreude bleibt Lotte distanziert zu Anna. Sie bietet Anna an, sie mit nach Holland zu nehmen, damit Anna aus dem nationalsozialistisch regierten Deutschland raus kommt. Anna lehnt ab, verspricht aber Lotte, sie sobald wie möglich zu besuchen. Bei der Verabschiedung verletzt sie unbewußt Lottes Gefühle, als sie abfällig über David, Lottes Verlobten, spricht. Lotte bricht erneut den Kontakt zu Anna ab. Sie merkt, daß sie auf Grund ihrer räumlichen Trennung kaum noch Gemeinsamkeiten haben.

Nach der Besetzung Hollands durch die Deutschen wird David ins KZ verschleppt. Davids Familie findet Unterschlupf bei Lottes Pflegeeltern. Anna heiratet den SS-Mann Martin und macht mit ihm bereits Pläne für die Zeit nach dem Krieg, als sie Nachricht vom Tod ihres Mannes erhält. Auch David hat das KZ nicht überlebt.

1947 macht sich Anna auf nach Holland zu Lotte, die inzwischen Davids Bruder geheiratet und von ihm ein Baby bekommen hat. Lotte weigert sich, mit Anna deutsch zu sprechen. Zu groß ist der Haß auf alles Deutsche. Als sie in Annas Tasche auch noch Annas Hochzeitsfoto mit Martin in SS-Uniform entdeckt, schmeißt sie Anna aus dem Haus und bricht vollständig mit ihr.

Ein halbes Jahrhundert vergeht. Zufällig kreuzen sich die Wege der Schwestern in einem Kurhotel in Belgien. Anna (Gudrun Okras) versucht mit allen Mitteln, mit Lotte (Ellen Vogel) wieder ins Gespräch zu kommen, doch diese blockt weiterhin ab und ignoriert sie, weil sie immer noch Anna für Davids Tod verantwortlich macht. Verzweifelt kämpft Anna um die Liebe ihrer Schwester. Sie folgt Lotte in einen Wald und erreicht zumindest, daß Lotte ihr zuhört. Erst als Anna zusammenbricht, besinnt sich Lotte und versöhnt sich wieder mit ihrer Schwester.

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Nadja Uhl und Thekla Reuten als Schwestern Anna und Lotte

Die Verfilmung des gleichnamigen Bestellers von Tessa de Loo war 2003 der erfolgreichste Film im Nachbarland und wurde zu Recht für den Oscar in der Kategorie „Bester ausländischer Film“ nominiert.

Der Film „Die Zwillinge“erzählt die Geschichte zweier Menschen über Jahrzehnte hinweg und ist gleichzeitig ein beeindruckendes Sittengemäde der damaligen Zeit. Er zeigt dramatisch auf, wie sich zwei Menschen mit scheinbar gleichen Voraussetzungen durch eine unterschiedliche territoriale und soziale Umgebung entwickeln. Auch wenn die Handlung überwiegend während der NS-Zeit spielt, ist es glücklicherweise nicht der xte Versuch, einen Historienfilm über jene Zeit zu drehen. Trotzdem werden dem Zuschauer Geschehnisse und Zusammenhänge der damaligen Zeit anhand des Schicksals der Zwillingsschwestern begreiflich gemacht.

Zum Gelingen des Filmes trägt in erster Linie die Besetzung bei. Der Regisseur des Film, Ben Sombogaart, legte Wert auf Authentizität. So sollten unbedingt deutsche Rollen von deutschen Schauspielern besetzt werden. In Nadja Uhl fand Sombogaart die ideale „junge“ Anna. Die Rolle der jungen Lotte übernahm Hollands Star Thekla Reuten, die bereits in mehreren Filmen ihre Klasse bewies und mittlerweile gesamteuropäisch als Schauspielerin bekannt ist.

Die Rollen der beiden „alten“ Schwestern übernahmen Gudrun Okras und Ellen Vogel, die beide über jahrzehntelange Schauspiel- Erfahrung verfügen. Beide haben zudem die NS-Zeit selbst er- und überlebt und wußten somit genau, wie sie ihre Rollen anlegen mußten.

Die Szenen im Kurhotel bilden dabei die Rahmenhandlung für die eigentliche Geschichte, dem Auseinanderleben der Zwillinge. Um die zeitliche Distanz auch anschaulich zu machen, werden die Szenen der sechsjährigen Kinder in schwarz-weiß gezeigt. Die Jugendzeit der Zwillinge wird zwar mit etwas mehr Farbe, aber überwiegend in Braun- und Rottönen, dargestellt. Lediglich die Szenen der „alten“ Zwillinge blieben unverändert. Weiterer Pluspunkt sind die Beibehaltung der Originaldialoge. So werden die Gespräche der holländischen Akteure lediglich in deutsch untertitelt.

Mit „Die Zwillinge“ gelang Regisseur Sombogaart ein zu Herzen gehendes filmisches Kunstwerk. Trotz einer Filmlänge von 131 Minuten kommt nie Langeweile auf, weil der Film seine Spannung aus dem Schicksal der getrennten Zwillinge und deren Versuch, wieder zusammenzukommen, bezieht. Ein beeindruckendes Meisterwerk mit einem dramatischen Blick auf die deutsch-holländische Geschichte.

Auszeichnungen:
2003 OSCAR-Nominierung “Bester ausländischer Film”

Alle Bilder: © Kinowelt

Filmkritik veröffentlicht:
20.11.2008 Zelluloid klein

Cottbuser Film „Blaue Stunde“ auf YouTube gesperrt

Blaue StundeWer sich im Internet auf YouTube den Film „Blaue Stunde“ des Cottbuser Filmemachers Erik Schiesko ansehen möchte, bekommt stattdessen eine schwarze Tafel zu sehen, auf der steht, dass das Video entfernt wurde, weil es gegen YouTube-Richtlinien verstößt. Von Spam und irreführender Werbung, ja sogar von Betrug ist da die Rede!

Bis zur Entfernung des Videos zählte der Film mehr als 7,5 Millionen Klicks. Erik Schiesko hatte das ehrgeizige Ziel, den Film in mehreren Sprachen zu untertiteln. Als Regisseur, vor allem aber als Produzent von „Blaue Stunde“ ist er auch für die Vermarktung des Filmes verantwortlich. Das Internet und ganz besonders YouTube scheint dafür beste Voraussetzungen zu bieten.

Aber warum wurde nun das Video gesperrt bzw. entfernt? Irreführende Werbung kann es nicht sein.. Im Gegensatz zu manch anderen Videos versteckt sich hinter dem Link zu „Blaue Stunde“ keine leere Seite oder wird Werbung für ein vollkommen anderes Produkt gemacht. Wo „Blaue Stunde“ angekündigt wurde, war auch „Blaue Stunde“ drin! Auch die Beschreibungen des Videos passten zum Film, es wurden in den sogenannten Meta-Tags keine Begriffe genannt, die mit dem Film nichts zu tun haben.
„Es kann sein, dass einige der verwendeten Begriffe zu allgemein gehalten wurden. Außerdem habe ich Suchbegriffe in unterschiedlichen Sprachen auch in die Videobeschreibung gesetzt, was YouTube nicht möchte, ich aber vorher nicht wusste“, räumt Erik Schiesko selbstkritisch eigene Fehler ein. Durch die Untertitel in diversen Sprachen erscheint das Video auch in den Suchlisten im nicht deutschsprachigen Raum, weswegen die hohen Klickzahlen zu erklären sind. Lediglich 1,3 Millionender Klicks kamen aus Deutschland.
Besonders schade findet er aber, dass er nun keine Möglichkeit bekommt, die Videoeinstellungen zu korrigieren. „YouTube hat das Video ohne Warnung entfernt. Damit sind alle Klicks verloren.“

Stattdessen wird sich Erik Schiesko erneut die Arbeit machen und den Film noch einmal online stellen. Diesmal wird er aber genauer drauf schauen, welche Daten mit hochgeladen werden.

Bleibt nur zu wünschen, dass die vormaligen Klickzahlen irgendwann wieder erreicht werden.

(C) Plakat: KonturProjekt

„Blaue Stunde“ ist ab sofort online zu sehen

Die Filmemacherbrüder Erik und Clemens Schiesko (Holger & Hanna) haben ihren ersten Langspielfilm „Blaue Stunde“ im Internet veröffentlicht. Auf Youtube kann sich jeder den größtenteils in Cottbus gedrehten Film kostenlos und in kompletter Länge ansehen. Der Direktlink ist auf KonturPROJEKT.de zu finden oder über die Suchfunktion von Youtube: „Blaue Stunde“, „Kompletter Kinofilm“.

Der Film beschreibt die Lebenssituation eines verwirrten Jugendlichen, der seine erste Liebe erfährt. Cottbus diente als Hauptdrehort, aber auch in Warnemünde, sowie beim polnischen Woodstockfestival sind Aufnahmen entstanden. Neben Gastauftritten von Andrea Kulka (Verena aus „Holger und Hanna“) und Michael Becker (Staatstheater Cottbus) sind alle Darsteller von der Straße gecastet. Erik Schiesko entdeckte Hauptdarsteller Niclas Greschke bei einer Theateraufführung. Der Film arbeitet mit vielen doppeldeutigen Szenen. Im Titel stehen Blau für „Depression“, „Betrunken sein“, „Ende“ und Stunde für „Schule“. „Es ist an der Zeit“, „Geschehen“.

Blaue Stunde
D, 2011, Länge: 75 Minuten, Farbe, Stereo,
Coming of Age, Jugendfilm,

Die Rollen und ihre Darsteller
Niklas: Niclas Greschke
Lotta: Lotta Brand
Martin: Michael Becker
Lehrerin: Andrea Kulka
Guter Freund von Lotta: Fritz Tudyka
Verrückter Max: Max Wuttke
Verrückter Johann: Johann Heyn
Verrückter Flo: Florian Donath
Freundin von Lotta 1: Anna Proksch
Freundin von Lotta 2: Antje Kubanke
Mädchen auf Festival: Ruth-Maria Thomas
Mädchen aus dem Traum 1: Marie-Claire Perge
Mädchen aus dem Traum 2: Franziska Radtke
Mädchen aus dem Traum 3: Teresa Hübner

Crew
Regie, Buch, Produktion, Schnitt, Animation, Grafikdesign, Presse: Erik Schiesko
Kamera, Color Grading: Clemens Schiesko
Regieassistenz, Textzuarbeit: Fritz Tudyka
Tonassistenz: Fritz Tudyka, Lotta Brand
Musik: MOr La PeAcH, Alexander Rex, Do is smell Cupcakes?, Benjamin Buder, Florian Mazur, Millies Faces, Lunico, Meet the noise, Erik Schiesko
Zeichnungen und Ausstattung: Johannes Kliem
Helfer: Florian Donath
Internetseite: Ole Richter

Illusion

PlakatAcht Menschen, unzufrieden mit ihrem bisherigen Leben, treffen in einer Bar aufeinander. Claudia (Marina Anna Eich) hat sich ihr Leben mit Theo (Wolfgang Seidenberg), einem Pfarrer, eingerichtet, ohne wirklich glücklich zu sein. Uli (Andreas Pegler) ist arbeitslos und läuft den ganzen Tag im Bayern-Trikot herum. Die Menschen um ihn herum werden für ihn immer mehr zu einer Bedrohung. Wenn seine Frau Maja (Ute Meisenheimer) mit ihm redet, hört Uli nicht mehr zu. Susanne (Carolina Hoffmann) ist jung und Sport-Therapeutin. Nikola (Antje Nikola Mönning) ist Psychologin und erträgt das Leben nur mit etwas Alkohol. Dieter (Thomas Kollhoff) lebt allein und Christian (Christoph Baumann) langweilt sich sogar beim Telefon-Sex. Mit seinem Handy dokumentiert Christian die Geschehnisse in der Bar und kommentiert diese.

Gespannt warten alle darauf, was die geheimnisumvolle Bar an diesem Abend bereit hält. Anfangs fremd zueinander kommen sich die Gäste im Verlaufe des Abends näher. In Gesprächen untereinander lassen sie ihren Sehnsüchten und Wünschen freien Lauf und tauchen ab in eine Welt voller Illusionen und Träume. Dabei kommen nicht nur Ängste und längst vergessene Erfahrungen zum Vorschein, sondern auch sexuelle Phantasien – bis zum überraschenden Ende…Illusion_10

Roland Rebers Filme sind nicht fürs Popcorn-Kino à la Hollywood gemacht. Stattdessen muß sich der Zuschauer auf eine Reise in die Abgründe menschlicher Verhaltensweisen und Sehnsüchte einstellen, mit einer Bildsprache, die ihresgleichen sucht – eigenwillig und provokativ.

Regisseur Roland Reber und sein Filmteam von WTP verzichten konsequent auf Studiobeteiligungen und Filmförderungen. Diese Beharrlichkeit bewirkt eine ungeahnte Kreativität und Experimentierfreudigkeit am Set. Reber bezieht seine Schauspieler in den Entstehungsprozeß seiner Filme ein, läßt sie am Drehbuch mitschreiben und ist auch neuen Ideen aufgeschlossen.

Die Dreharbeiten zu „Illusion“ begannen bereits, als das Drehbuch noch gar nicht zu Ende geschrieben war. In drei Ebenen agieren die Protagonisten des Films: Ebene 1 ist das reale Leben mit seinen realen Unzulänglichkeiten; Ebene 2 ist der Abend mit seinen Gesprächen in der Bar und schließlich die namensgebenden „Illusionen“ auf Ebene 3.

Gerade die Umsetzung der Illusionen sind ein bildgewaltiges Feuerwerk an Effekten und Farben und sollten als Lehrbeispiel an den Filmhochschulen gezeigt werden. Mira Gittner als Kamerafrau und Schnittmeisterin bedient sich aus der großen Kiste der Möglichkeiten: schnelle Schnitte, Wechsel von Schwarz/Weiß- zu Farbaufnahmen innerhalb einer Szene, Überblendungen – wie ein Kaleidoskop wechseln die Bilder im Sekundentakt, ohne zu verwirren. Ein Rausch für die Sinne.Illusion_9

Ebenso im Gedächtnis bleiben scheinbare Kleinigkeiten, die sich durch den ganzen Film ziehen: das Stückchen Käsekuchen, das „Ich geh mit meiner Laterne“-Liedchen oder das immer wieder zu hörende Ticken im Sekundentakt, welches sich in der Illusion der Psychologin Nikola während ihrer Vergewaltigungsorgie zu einem bedrohlichen Wummern aufbauscht.

Satirisch wird es, wenn sich „Illusion“ über den „Facebook“-Wahn lustig macht. Was wäre, wenn Gott eine Facebook-Seite hätte? Und auch Uli im Bayern-Trikot kommt einer gleichnamigen Ikone des bayerischen Fußballvereins optisch recht nahe.

Die Musik zu „Illusion“ stammt größtenteils von Antja Nikola Mönning. Zwar haben die Titel wenig Hit-Potential und sind mehr für Lagerfeuer-Romantik geeignet, dafür unterstützen sie die Bilder und lenken nicht ab. Selbst für das legendäre „Fields of Athenry“, eine Fußball-Hymne mit besonderer Geschichte, findet Roland Reber Platz.

„Der Star ist die Mannschaft!“. Roland Rebers Mannschaft ist das Ensemble, daß sich bereits von den bisherigen Filmen kennt. Carolina Hoffmann ist die Neue im Team. Direkt nach Abschluß ihrer Schauspielausbildung kam sie zu WTP und spielt in „Illusion“ gleich die Hauptrolle als Susanne. Als „junges Küken“ fügt sich sich nahtlos ein ins Team um die gestandenen Darsteller Mönning, Eich oder Seidenberg.Illusion_12

„Illusion“ läßt sich schwer in ein Genre einordnen. Der Film ist Drama und Satire gleichzeitig, ein Ensemblefilm mit viel nackter Haut und Gesellschaftskritik. Er ist überraschend, kurzweilig, spannend. Ein Film, der Fragen stellt. Die Antworten muß jeder Zuschauer für sich selbst finden. Eben ein typischer Roland-Reber-Film.

Die Rollen und ihre Darsteller

SUSANNE BAUER – Carolina Hoffmann
NIKOLA – Antje Nikola Mönning
THEO – Wolfgang Seidenberg
CLAUDIA – Marina Anna Eich
ULI – Andreas Pegler
CHRISTIAN SCHLUGER – Christoph Baumann
MAJA – Ute Meisenheimer
BARDAME – Claire Plaut
DIETER – Thomas Kollhoff

Filmstab

Buch und Regie: Roland Reber
Produzenten: Patricia Koch, Antje Nikola Mönning, Roland Reber
Ausführende Produzentin / Herstellungsleitung: Marina Anna Eich
Musik / Regieassistenz: Antje Nikola Mönning
Bildgestaltung: Mira Gittner, Steffen Neder
Kamera und Schnitt: Mira Gittner
Lichtgestaltung: Steffen Neder
Kameraassistenz / Licht: Maximilian Melerski
Kamerabühne: Lukas Böttcher
Produktionsassistenz: Anton Eder
Bühnen- und Lichtassistenz: Michael Krauss

Produktion / Verleih / Vertrieb: wtp international GmbH

www.illusion-derfilm.com

(c) für alle Fotos: wtp international GmbH

„Rootstock“ – Das große Wiedersehen

rootstock_plakat

Zu einer ganz besonderen Filmvorführung lud die „Filmgruppe8“ am Sonnabend in den Theaterkeller der „BÜHNE acht“ ein. Die Filmemacher des Kinofilms „Rootstock“ wollten sich anlässlich der DVD-Veröffentlichung des Filmes noch einmal bei den zahlreichen Unterstützern, Sponsoren, Kleindarstellern und Mitwirkenden bedanken. Groß war deshalb auch die Wiedersehensfreude, denn nach den Dreharbeiten trennten sich für viele die Lebenswege.

Moderiert von Alex Stürmer konnten die anwesenden Gäste einen Blick hinter die Kamera werfen. Gezeigt wurde exklusives Filmmaterial, welches während der Dreharbeiten entstand. So wurden erstmals jene Szenen gezeigt, die aus dramaturgischen Gründen keine Verwendung im eigentlichen Film fanden. Großes Gelächter im Publikum gab es anschließend, als die sogenannten „Outtakes“, also lustige Versprecher und Pannen während des Drehs, gezeigt wurden.

Zwischen den einzelnen Filmausschnitten gab es kurze Interviews mit den Schauspielern und Mitgliedern des Filmstabes. Übereinstimmende Meinungen gab es bei allen Befragten, daß die Dreharbeiten zwar anstrengend, aber auch auch sehr fröhlich waren. Die positive Stimmung am Filmset war mit ein Grund für das Gelingen des Filmprojektes, welches Drehbuchautor und Co-Regisseur Mathias Neuber als das aufwändigste Projekt des „BÜHNE acht“-Ensembles bezeichnete. „Der Sommer 2010, als wir den Film drehten, wird mir immer in Erinnerung bleiben, weil ich diesen Sommer so intensiv erlebt habe.“ sprach Mathias Neuber allen Mitwirkenden, die von Anfang an das Projekt begleiteten, aus dem Herzen.

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Moderator Alex Stürmer (rechts im Bild) im Gespräch mit den Darstellerinnen Ypsi Ciupack, Karo Leder und Maja Schäfer

Hauptdarstellerin Ypsi Ciupack und Nebendarstellerin Maja Schäfer erinnerten sich noch einmal an die Zeit nach den Dreharbeiten, als es auf Promotion-Tour für die Filmpremiere ging. In bester Erinnerung ist dabei noch die Guerilla-Aktion während der „Nacht der kreativen Köpfe“ geblieben. Auch davon konnten sich die Besucher des Filmabends einen Eindruck verschaffen, denn zur Überraschung aller Gäste gab es auch von dieser Aktion bewegte Bilder zu sehen, ebenso wie von der Premierenfeier.

Eines aber konnte man aus allen Gesprächen heraushören. Sollte wieder einmal ein ähnliches Groß-Projekt an der „BÜHNE acht“ starten, würden alle sofort wieder mitmachen wollen. Ein größeres Kompliment können sich die Cottbuser Filmemacher nicht wünschen.

Zum Teufel mit Harbolla

Premiere: 24.02.1989

Wir schreiben das Jahr 1956, der Rock’n‘ Roll erreicht gerade die noch junge DDR, auseinandertanzen ist noch unmoralisch und die Nationale Volksarmee schickt die ersten Absolventen der Offiziershochschule ins wirkliche Leben.

Der junge Leutnant Gottfried Engelhardt (Tom Pauls) tritt seinen Dienst in seiner neuen Einheit an und bekommt als Erstes den Auftrag, einen gewissen Harry Harbolla (Michael Lucke) aus dem Militärknast in Oranienburg abzuholen und in die Dienststelle zurückzubringen. Der ehemalige Zugführer hat sich nämlich unerlaubt aus dem Staub gemacht, als er erfuhr, daß sein Nachfolger ein „Studierter“ sein wird. Und so tanzt er in der „Linde“ im Unterhemd und ohne gültige Papiere Rock’n -Roll.

Und plötzlich treffen zwei Charaktere aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein können: der schmächtige, dienstbeflissene und etwas naive Engelhardt und Harbolla – stark, Rauhbein und Frauenschwarm, immer hungrig, aber mit einem großen Herzen. Was Harbolla nicht weiß: Engelhardt ist sein neuer Zugführer. Und eigentlich hat er es gar auch nicht so eilig, wegzukommen. Denn da wartet Heidelore (Andrea Solter), die Köchin der „Linde“ und Harbollas Freundin.

Und Engelhardt verliebt sich in Anita (Annett Kruschke), die er auf dem Bahnhof kennenlernte und der er unfreiwillig beim Zigarettenschmuggeln half. Als Anitas Partner (Gert Gütschow) Engelhardt reinlegt und ihn in der Öffentlichkeit verspottet, sieht Engelhardt Rot und beginnt eine Prügelei in der „Linde“. Harbolla rettet ihn und beide erkennen langsam, daß der jeweils andere eigentlich ein ganz feiner Kerl ist – ein Mensch eben. Und „Menschsein ist ein Dienstgrad“, wie Harbolla feststellt.

Als Leutnant Engelhardt nach einer wilden Nacht mit Anita von ihr erfährt, daß ihre Liebe nur käuflich ist, packt Engelhardt seine Sachen, nicht ohne Harbolla zu sagen, wer er ist. Es kommt zum Streit zwischen den Beiden. Engelhardt hält Harbolla für einen Feigling, der ständig davonläuft, wenn zwischenmenschliche Probleme auftreten. Und Harbolla kontert, daß Engelhardt weltfremd ist und fühlt sich plötzlich ausgegrenzt. Als Heidelore ihm die Freundschaft kündigt und ihn aus der Wohnung schmeißt, muß sich Harbolla entscheiden….

Sicherlich war es nicht beabsichtigt, aber die Figuren erinnern in ihren Charakteren an Asterix und Obelix. Sogar einen Idefix-Ersatz gibt es im Film.

Bodo Fürneisen drehte mit diesem Film einen der letzten Filme der DDR. Später arbeitete er vor allem fürs Fernsehen (u.a. Polizeiruf 110, Kommissar Rex, Stubbe – Von Fall zu Fall). Er zeichnete mit „Zum Teufel mit Harbolla“ hervorragend ein Sittenbild der damaligen Zeit, gemischt mit einer originellen Story, etwas Romantik sowie einem gut aufgelegten Darstellerensemble. Es ist weder ein Lobgesang auf die NVA noch macht sich Fürneisen über die NVA lustig. Der Film hat Charme, selbst Dialoge mit den den damals üblichen Propaganda-Parolen über den „Sieg des Sozialismus“ werden nicht als Solche empfunden. Und trotz aller Komik gleitet der Film nicht zur Militärklamotte ab.

Hervorragend auch die Musikauswahl mit wenig bekannten, aber gut tanzbaren Titeln der 50er Jahre. Von Rock’n‘ Roll-Titel bis Schlager, von Elvis bis Herbert Roth – die Musik unterstützt die Bilder und drängt sich nicht auf. Als Krönung gibt es im Film noch den Auftritt eines skurillen schmalzig-schnulzigen Gesangspaares in Gestalt von Walter Plathe und Katrin Saß.

Tom Pauls dürfte vielen Zuschauern eher als Ilse Bähnert oder Teil des Dresdner Zwinger-Trios bekannt sein, zeigt aber als Leutnant Engelhardt auch schauspielerische Qualitäten. Sicherlich die Idealbesetzung für die Figur des Engelhardt, denn keiner kann so unschuldig gucken wie er.

Michael Lucke (sieht im Film aus wie der große Bruder von Jan Ulrich) spielt seinen Harbolla so leicht und locker, daß man ständig überlegen muß, welchem der beiden Filmhelden nun mehr Sympathien gehören und auf welche Seite man sich schlägt.
Annett Kruschke war zur Drehzeit noch am Beginn ihrer Karriere und hat sich inzwischen einen festen Platz in der deutschen Filmlandschaft gesichert. Ihre Wandlungsfähigkeit deutete sie schon in „Zum Teufel mit Harbolla“ an.

Katrin Saß und Walter Plathe sind die perfekte Parodie auf Gesangspaare der damaligen Zeit. Und welch großes Vergnügen die Beiden mit ihrem Auftritt hatten, kann man nur erahnen, wenn man mal in ihre Gesichter schaut.

Insgesamt betrachtet ist „Zum Teufel mit Harbolla“ einer der besseren Filme der DEFA mit damals noch weitgehend unbekannten Darstellern. Der Verzicht auf die damals üblichen Stars tut dem Film sehr gut. Schade, daß es die DEFA nicht mehr gibt, man hätte sich mehr solcher Filme gewünscht.

Die Rollen und ihre Darsteller

Leutnant Gottfried Engelhardt – Tom Pauls
Harry Harbolla – Michael Lucke
Oberleutnant Strohbach – Joachim Nimtz
Heidelore – Andrea Solter
Anita – Annett Kruschke
Uhrmacher – Gert Gütschow
Unteroffizier – Florian Martens
Sängerin – Katrin Saß
Sänger – Walter Plathe
Harbollas Tanzpartnerin – Andrea Kathrin Loewig

 Stab

Buch: Walter Flegel, Manfred Freitag, Jochen Nestler
Regie: Bodo Fürneisen
Kamera: Erich Gusko
Schnitt: Ilona Thiel
Kostüme: Elke Hersmann
Musik: Karl-Ernst Sasse
Produziert von: DEFA

Dieser Artikel wurde erstmals am 20.02.2008 auf Zelluloid kleinveröffentlicht.

Holger & Hanna (und der ganze kranke Rest)

Holger&Hanna_PlakatHolger, ein 16jähriger Schüler, hat es nicht leicht. Seine Eltern teilten ihm mit, dass sie sich scheiden lassen wollen. Und als wäre das nicht schlimm genug, schleppen sie Holger auch noch zur Familientherapie.

Holger ist genervt von seiner Mutter und muss sich ständig ihre Rechtfertigungen anhören. Die auf einem Esoteriktrip wandelnde Verena „steckt Nadeln in anderer Leute Kopfhäute“ und will ständig irgendwelche Energiemeridiane aktivieren. Holgers Vater Gerhard, ein Zahnarzt, ist schon längst zu Hause ausgezogen. Dabei hat doch Holger genügend eigene Probleme, denn er hat sich hoffnungslos in die drei Jahre ältere Hanna aus seiner Schule verliebt. Für ihn ist es beschlossene Sache, dass beide zusammen gehören.

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Foto: Clemens Schiesko (KonturPROJEKT)

Womit Holger allerdings nicht gerechnet hat: Hanna steht auf ältere Männer und verliebt sich ausgerechnet in Holgers Vater. Für Holger bricht eine Welt zusammen. Als Verena von Gerhards Verhältnis zu Hanna erfährt, flippt sie aus und fliegt nach Bali. Von seinen Eltern allein gelassen, beschließt Holger, um Hannas Liebe zu kämpfen und lässt dabei kein Fettnäpfchen aus.

Das Drehbuch zu „Holger und Hanna (und der ganze kranke Rest)“ entstand nach dem gleichnamigen Theaterstück von Jan Demuth (Schweiz). Der Cottbuser Theaterregisseur Matthias Heine und Dramaturgin Maria Bock wagten sich an die filmische Umsetzung. Für die Hauptrollen konnten die Nachwuchsdarsteller Florian Donath (Holger) und Ruth-Maria Thomas (Hanna) gewonnen werden. Kai Börner vom Cottbuser Staatstheater übernahm die Rolle von Holgers Vater, die Kabarettistin Andrea Kulka spielt Holgers Mutter Verena.

Die Kamera führte Clemens Schiesko, sein Bruder Erik zeichnete für die Produktion verantwortlich.

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Foto: Clemens Schiesko (KonturPROJEKT)

Herausgekommen ist eine wunderbare Komödie, die sich wohltuend von dem sonst üblichen Einheitsbrei deutscher Komödien abhebt. Wortspiele in den Dialogen der Hauptfiguren sind hart an der Grenze zum Kalauer, ohne jedoch aufgesetzt zu wirken. Selbst kleinste Gags wie ein Rülpser haben ein perfektes Timing. Ungewöhnliche Kamerafahrten und Blickwinkel wechseln sich ab mit Schwarz-Weiß- und Tricksequenzen oder kurzen Tanzeinlagen. Die Lichtstimmung und besondere Kameraeffekte wie Geisterbilder überraschen immer wieder den Betrachter. Auch die Idee, eine Szene des Filmes im Stile einer amerikanischen Sitcom (mit den dazugehörigen eingespielten Lachern) fortzuführen, fasziniert.

Gleichzeitig wird der Zuschauer mitgenommen zu einem kleinen Stadtbummel durch Cottbus, wo große Teile des Filmes gedreht wurden. Immer wieder schwenkt die Kamera auf Skulpturen und Brunnen im Stadtzentrum, zeigt die wenigen Schönheiten der Stadt.

Abgerundet wird „Holger und Hanna“ durch einen Klasse Soundtrack, der ein paar potentielle Ohrwürmer beinhaltet. Die Namen der Interpreten sind dabei nur Insidern ein Begriff.

Die Darstellerriege überzeugt durchweg, auch wenn man Kai Börner etwas mehr ansieht, dass er über langjährige Schauspielerfahrung besitzt. Bei Andrea Kulka dagegen sind es die Gestik und Mimik, die besondere Akzente setzen. Ob gewollt oder nicht – manchmal wird man bei ihr an die Yvonne aus den dänischen „Olsenbanden“-Filmen erinnert.

Für Florian Donath und Ruth-Maria Thomas war „Holger und Hanna“ das erste große Filmprojekt. Beide brauchen sich hinter den gestandenen Künstlern Börner und Kulka nicht verstecken. Mit erfrischender Lockerheit agieren beide vor der Kamera und reizen ihre jeweilige Rolle aus.

„Holger und Hanna“ bezeichnet sich gern als Cottbus-Film – von Cottbuser Filmemachern gedreht als kleine Liebeserklärung an ihre Stadt. Hier ist mit wenig Etat eine kleine Filmperle entstanden, die den Vergleich zu großen Studioproduktionen nicht zu scheuen braucht. Vielleicht ist das mit einer der Gründe, warum der Film so unterhaltsam ist.