Der rote Elvis

Der rote ElvisEs kommt nicht allzu häufig vor, daß es ein Dokumentarfilm in die von Hollywood und dem neuen deutschen Film dominierte Kinos schafft. Überraschenderweise sind diese Perlen der Kinounterhaltung auch noch erfolgreich und meistens interessanter als das Hauptprogramm.

In genau dieses Schema paßt Leopold Grüns erster kinolanger Dok-Film, der eine erstaunliche Verweildauer in den Kinosälen hatte. Bereits auf der Berlinale 2007 hatte dieser Film viel Zuspruch und Lob eingeheimst.

„Der rote Elvis“ – so wurde liebevoll der in Denver/Colorado geborene Sänger, Schauspieler, Regisseur und Friedenskämpfer Dean Reed genannt. Schon in jungen Jahren hatte Reed erste Erfolge als Sänger und war mit dem echten Elvis auf Augenhöhe, was Chartplatzierungen anging.

Besonders in Südamerika hatte er eine große Fangemeinde. Bei seinen Auftritten dort lernte er aber auch die andere Seite kennen: unterdrückte Völker, machthungrige Regimes, Not und Elend. Diese Erfahrungen prägten Dean Reed und ließen ihn über über seine Rolle in dieser zweigeteilten Welt nachdenken. Er wandte sich von seinem Heimatland, den USA, ab, fand in der DDR ein neues Zuhause und stellte sich fortan bis zu seinem tragischen Ende an die Seite der Unterdrückten. Er kämpfte an der Seite Salvador Allendes wie auch Yassier Arafats. Er nahm Inhaftierungen in Kauf und patrouillierte an der Front in Palästina.

Dean Reed war sich sicher, daß er seinen Beitrag dazu leisten kann, die Welt ein wenig friedlicher zu gestalten. Manchmal fast schon naiv in seinem Tun – wie eine Szene im Film zeigt, als Dean Reed in der einen Hand eine Kalaschnikow und in der anderen eine Gitarre hält und so Streife läuft.

Aber genau diesen Wandel vom Sänger zum Kämpfer versucht Leopold Grün für den Zuschauer begreifbar zu machen. Anhand von bisher noch ungezeigten, zum Teil sehr privaten Aufnahmen, durch Interviews mit Zeitzeugen und durch eigene Recherchen zeichnet Leopold Grün das Porträt eines Mannes, der zwischen den Gesellschaftssystemen zu Zeiten des Kalten Krieges gefangen war. Die Einen hassten ihn für sein Engagement, die Anderen mißbrauchten ihn für ihre Zwecke.

Leopold Grün entmystifiziert einen Helden, der keiner sein wollte, und baut ihm gleichzeitig ein Denkmal. Die wenigen Zeitzeugen, die im Film zu Wort kommen, haben alle ihre eigenen Erfahrungen mit diesem Wanderer zwischen den Welten gemacht. Da ist die Ex-Frau, die scheinbar immer noch nicht darüber hinweg ist, daß ihr Mann, ihr Held, der Vater ihres Kindes sie einfach aus der gemeinsamen Wohnung schmiß. Da ist die heimliche Geliebte, wahrscheinlich die einzige Vertraute in Reeds Leben, mit der er den gemeinsamen Abgang von der großen Bühne plante und die sich beklagt, daß er dann doch ohne sie gegangen ist. Und da ist ein weiblicher Fan aus dem sowjetischen Riesenreich, die ihrem Idol niemals begegnet ist, aber ihr Leben komplett änderte und nach Amerika auswanderte, um ihrem Star wenigstens nach seinem Tod nah zu sein. Und da sind 2 Amerikaner – der Eine ein guter Freund von Dean Reed und praktisch so etwas wie sein Nachlaßverwalter, der andere ein Radiomoderator, der typische Kommunistenhasser, der sich zwar geschmeichelt fühlt, befragt zu werden, aber dann versucht, uralte Rechnungen mit Dean Reed zu begleichen.

Weltstar Armin Mueller-Stahl, die Politiker Isabell Allende und Egon Krenz kommen ebenso zu Wort wie chilenische Bergarbeiter. Sie alle hatten irgendwann einmal mit Dean Reed zu tun und erweisen in ihren Statements diesem „American Rebel“ ihren Respekt.

Leopold Grün verknüpft geschickt diese Interviews mit Film-Einblendungen, verzichtet aber gleichzeitig auf zuviel Begleittext und läßt meistens nur die Bilder für sich sprechen. Dazu ein eigens für diesen Film produzierter Soundtrack, der die Wirkung der Bilder noch unterstützt. Das Titelthema zieht sich wie ein roter Faden durch den Film und wirkt auch noch nach dem spektakulären Filmende nach.

Die 90 Minuten vergehen schneller als man denkt und ohne daß es langweilt. Und schon allein dafür gebührt den Filmemachern des „roten Elvis“ Respekt und Anerkennung!

Artikel veröffentlicht:

27.09.2007 Zelluloid klein