12 heißt Ich liebe Dich

Das Erste
Erstausstrahlung: 16.04.2008

Man kann der ARD und dem produzierenden MDR für den Mut und die Courage, den Film „12 heißt Ich Liebe Dich“ auszustrahlen, nur gratulieren.

Bereits im Vorfeld gab es heftige Diskussionen um die Verfilmung einer wahren Geschichte, in deren Verlauf sich zwischen einem Offizier des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR und einer Verhafteten eine zarte Liebesbeziehung anbahnt. Opferverbände und sogenannte Bürgerrechtler sahen in der Verfilmung eine Verharmlosung der Tätigkeit der Staatssicherheit sowie die Verhöhnung der Opfer des DDR-Systems. Der Intendant des MDR wurde sogar aufgefordert, zu der Ausstrahlung Stellung zu nehmen. Diejenigen, die immer die fehlende Meinungs- und Pressefreiheit in der DDR beklagt hatten, versuchten nun selber, dieses Gut einer Demokratie zu mißbrauchen.

Und es wird oft vergessen, daß mit „12 heißt Ich liebe Dich“ lediglich ein einziges Schicksal von mehreren Tausenden verfilmt wurde. Daß Regisseurin Connie Walter nun ausgerechnet eine – wenn auch ungewöhnliche – Liebesgeschichte verfilmt hat, nennt man wohl künstlerische Freiheit.

Zum empörten Aufschrei kommt hinzu, daß Jan (gespielt von Devid Striesow) weder ins Klischeebild des ständig rumkommandierenden und brüllenden machtbesessenen und einschüchternden Stasioffiziers paßt, noch daß er sich im Verlaufe der Story zum Helden entwickelt und irgendwann seine Gesinnung in Frage stellt. Er hat sich eingerichtet in seinem spießigen Leben, hat Frau und Tochter, trägt jeden Tag den letzten modischen Schrei von Vorgestern und „ist zufrieden, wenn sein Chef zufrieden ist.“ Und – oh Schreck – er hat etwas Sympathisches in sich, er schmuggelt „seine“ Gefangene schon mal aufs Personalklo, läßt sie im Büro ausruhen, während er das Vernehmungsprotokoll schreibt und bietet ihr auch mal eine Zigarette an.

12 heißt: ich liebe dich

Bettina (Claudia Michelsen) wird von Mitarbeitern der Stasi ins Gefängnis gebracht.
© MDR/UFA/Steffen Junghans

12 heißt: Ich liebe dich

Jans Chef, Referatsleiter im Stasi-Gefängnis (Roland May) setzt beim Verhör Bettina (Claudia Michelsen) unter Druck. v.l.n.r.: Jan (Devid Striesow), Bettina (Claudia Michelsen) und Referatsleiter MfS (Roland May)
(c) MDR/UFA, Steffen Junghans

Für Bettina (Claudia Michelsen) ist Jan in den 8 Monaten ihrer Untersuchungshaft wegen angeblicher „Landesverräterischer Agententätigkeit“ die einzige Kontakt- und Bezugsperson. Für sie sind die Vernehmungen Abwechslung im tristen U-Haft-Alltag und die einzige Möglichkeit, mit jemandem zu reden. Zaghaft öffnet sie sich und läßt Gefühle zu, die in ihrer Situation undenkbar sein müßten. Und während sie darauf wartet, daß Jan sein Protokoll beendet, malt sie und entwickelt dabei einen Zahlencode, mit dem sie heimlich und unerkannt ihre Gefühle ausdrücken kann: 11 heißt Du bist schön (weil der Satz aus 11 Buchstaben besteht), 12 heißt Ich liebe Dich. Und beide wissen, daß diese Liebe keinen Bestand haben wird, denn auf Bettina warten 3 Jahre Knast im Frauengefängnis Hoheneck.

12 heißt: Ich liebe dich

Der junge Stasi-Offizier Jan (Devid Striesow) verhört die Gefangene Bettina (Claudia Michelsen) im Vernehmungszimmer.
(c) MDR/UFA, Steffen Junghans

13 Jahre später haben sich die Zeiten geändert. Das MfS gibt es nicht mehr, Jans ehemalige Dienststelle ist inzwischen eine Gedenkstätte und Bettina führt Touristen hindurch. Nur der Spießer Jan hat sich nicht verändert, ist immer noch mit der gleichen langweiligen Frau verheiratet und arbeitet mittlerweile als Buchhalter.

Als Bettina Jan aufspürt und sich beide treffen, stellen sie fest, daß die Gefühle für den Anderen immer noch da sind. Und endlich findet auch Jan den Mut, aus seinem Leben auszubrechen….

12 heißt: Ich liebe dich

Bettina (Claudia Michelsen) und Jan (Devid Striesow) treffen sich in einem Café.
(c) MDR/UFA, Steffen Junghans

Wer jetzt eine rührselige Lovestory-Verfilmung erwartet, wird enttäuscht werden. Der Film ist alles andere als Rührselig und hat seine stärksten Momente in den Szenen in Jans Büro. Genauso schockierend werden die Haftbedingungen gezeigt, angefangen von der Zwangshaltung beim Schlafen bis hin zu der Tatsache, daß frau sich selbst für so banale Dinge wie Damenbinden vorher erniedrigen muß.

Die Filmemacher erheben nicht den Anspruch, DDR-Unrecht aufarbeiten zu wollen. Ebensowenig ergreifen Sie Partei für eine der beiden Hauptrollen. Und die Wertung der Ereignisse überlassen sie geschickt ihrer weiblichen Hauptfigur, nämlich immer dann, wenn sie in ihren Führungen durch die Gedenkstätte Fragen der Touristen nach ihrer Vergangenheit beantwortet. Da kommt auch schon mal das eine oder andere versöhnende Wort aus ihren Lippen.

12 heißt: Ich liebe dich

Bettina (Claudia Michelsen) kann Jan (Devid Striesow) nicht trösten.
(c) MDR/UFA, Steffen Junghans

„12 heißt Ich lieb Dich“ lebt vor allem vom Spiel der beiden Hauptdarsteller Devid Striesow und Claudia Michelsen. Besonders Claudia Michelsen spielt ihre Figur mit solch einer Intensität und solch einer Wucht, daß es fast schon beängstigend ist. Auch wenn ihr eingefallenes Gesicht und ihre ständig verheulten Augen zum Großteil den Maskenbildnern zu verdanken ist, so spielt sie mit einer Authentizität, daß man sich noch Tage später fragt, wieviel Schauspielerei und wieviel eigene Erfahrung in der Rolle stecken. Ohne Zweifel setzt Claudia Michelsen mit dieser Rollendarstellung neue Maßstäbe für sich und für Andere, spielte vielleicht sogar die Rolle ihres Lebens. Und sie ist sich auch nicht zu schade einzugestehen, daß sie durch die Beschäftigung mit ihrer Filmfigur und der realenPerson dahinter eine andere Sicht- und Denkweise auf ihr eigenes Leben und bestimmte Vorgänge in der DDR gewonnen hat.

12 heißt: Ich liebe dich

Bettina (Claudia Michelsen)
(c) MDR/UFA, Steffen Junghans

Devid Striesow hat ebenfalls eine DDR-Vergangenheit. Dadurch nimmt man ihm den Jan eher ab als einem möglicherweise gecasteten „West“-Schauspieler. Manche Ost-Rollen können eben nur von Darstellern mit Ost-Vergangenheit gespielt werden.

12 heißt: Ich liebe dich

Jan (Devid Striesow)
(c) MDR/UFA, Steffen Junghans

Die anderen Nebenrollen sind zwar durchgehend gut besetzt, aber lediglich Nina Franoszek als Leiterin der Gedenkstätte ragt noch etwas heraus, der Rest geht im Spiel der beiden Hauptdarsteller völlig unter.

Wenn es einen Grund gibt, an dem Film rumzumäkeln, dann ist es eher ein kleiner Schönheitsfehler: Alle Uniformträger im Film, egal ob jung oder alt, ob männlich oder weiblich, tragen den gleichen Dienstgrad (erkennbar an den Schulterstücken!). So einheitlich war nun selbst die DDR nicht organisiert.

Es wird wahrscheinlich auch in Zukunft unterschiedliche Meinungen über die Notwendigkeit einer Verfilmung dieser Geschichte geben. Aber wenn damit, wie u.a. auch bei Claudia Michelsen, ein Denkprozeß bei den Menschen in Gang gesetzt wird, kann man diesen Schritt eigentlich nur befürworten. Daß dabei nicht Alle der gleichen Meinung sein müssen, ist im Nachhinein auch Menschen wie Bettina zu verdanken. Und das sollte doch auch den Nörglern nicht entgangen sein…

Auszeichnungen:
Claudia Michelsen – Beste Schauspielerin beim FIPA d’Or in Biarritz
Connie Walther – Deutscher Fernsehpreis in der Kategorie “Beste Regie”
Scarlett Kleint – Preis beim ZOOM IGUALADA European TV Movies Festival in Spanien in der Kategorie “Bestes Drehbuch”
Fernsehfilmpreis der deutschen Akademie der Darstellenden Künste

Filmkritik veröffentlicht:
21.04.2008 Zelluloid klein
18.07.2008