Ein Lied für Susan

1981

Während der „Sommerfilmtage“ in der DDR strömen Zehntausende in die Kinos der Republik. Doch diesmal lockt nicht der sonst übliche neueste DEFA-Indianerfilm mit Publikumsliebling Gojko Mitic die Besucher. Und auch der zwölfte Versuch der „Olsenbande“, einen „Franz Jäger, Berlin“- Tresor zu knacken, interessiert kaum jemanden.

Das Publikum ist neugierig auf die groß angekündigte Westernparodie „Sing, Cowboy, Sing“ mit dem in der DDR lebenden US-Amerikaner Dean Reed und Schlagerstar Vaclav Neckar aus der CSSR in den Hauptrollen. Beide haben, jeder für sich, mehr oder weniger große Erfolge zu verzeichnen und treten nun erstmals gemeinsam vor die Kamera. Auch der beliebte Blues-Musiker Stefan Distelmann gehört zu den Mitwirkenden, ebenso wie die rumänischen Superstars Violeta Andrei und Jurie Darie. Ein Jahr später durchbricht der Film die magische Grenze von 1 Millionen Zuschauern.

Dean Reed persönlich interpretiert den Titelsong des Filmes. „Susan“ entwickelt sich schnell zum Ohrwurm und wird im Radio und im Fernsehen rauf- und runtergedudelt. Im Film ist Susan ein kleines Mädchen, das von zu Hause ausbüxt und das Leben der beiden Filmhelden mächtig durcheinander bringt. Eine bis dahin unbekannte Berliner Schülerin namens Kerstin Beyer erobert als Susan nicht nur das Herz ihres „Papa Joe“ (Dean Reed), sondern auch die Herzen der Zuschauer.

Dean Reed beschert der Titel einen weiteren Popularitätsschub. Eine englische Fassung des Liedes erscheint auf LP bei Amiga. Susan und ihr „Papa Joe“ treten gemeinsam im Schlagerstudio und bei öffentlichen Veranstaltungen auf. Und bald kann jeder den Refrain mitsingen: „Susan, Susan“…

September 2008

In einem kleinen Club irgendwo in Berlin-Mitte treffen sich Freunde, Kollegen, ehemalige Nachbarn, vor allem aber viele Fans von Dean Reed, und feiern seinen 70. Geburtstag. Der Jubilar allerdings fehlt. Dean Reed starb 1986 unter tragischen Umständen. Jeder der Anwesenden hat seine eigene Erinnerung an ihn und verehrt Dean Reed auf seine Weise. Man tauscht sich aus, zeigt Fotos und hört seine Lieder.

Und plötzlich ist sie da. Sie wurde eingeladen, aber niemand wußte, ob sie auch wirklich kommen würde. Aber sie kam. Wie sang „Papa Joe“ damals? „Heut kam ich zu euch und bleibe da, Susan…“

Aus der kleinen Susan von damals ist längst eine erwachsene Frau geworden. Ihre Fröhlichkeit und ihr Lachen haben sich nicht verändert. Wer sie so sieht, erkennt sofort jene Susan wieder. Da der Film „Sing, Cowboy, Sing“ mittlerweile auf DVD erschienen ist, muß man sich nicht mal 25 Jahre zurückerinnern.

Sofort ist „Susan“, bürgerlich Kerstin, umringt und beantwortet geduldig die Fragen der Anwesenden zu den Dreharbeiten, zu ihrem Verhältnis zu Dean Reed und wie es damals mit der Schule funktionierte. Kein „Ich-war-mal-berühmt“-Gehabe, keine Berührungsängste, aber auch kein mitleidsuchendes Bedauern, daß es mit der ganz großen Film-Karriere nicht geklappt hat.

Das mit dem Ruhm war ohnehin nur von kurzer Dauer, lediglich eine weitere Rolle in der beliebten Fernseh-Serie „Das unsichtbare Visier“ folgte noch. So blieb dem Duo Reed/Beyer auch erspart, als ostdeutsche Roy-Black-und-Anita-Version in den Medien verheizt zu werden.

Die Film-„Susan“ gerät ins Schwärmen, als sie von den Dreharbeiten berichtet. Sie zeigt stolz Fotoalben herum mit seltenen Aufnahmen, entstanden hinter den Kulissen und während der Drehpausen. Auch ein Original-Drehbuch erweckt die Aufmerksamkeit der Leute, die da gespannt lauschen. Dean Reed war nicht nur Schauspiel-Kollege, sondern Ihr Ersatz-Papa während der Dreharbeiten. Und so verwundert es auch nicht, daß Susan ihren „Papa Joe“ als den Menschen bezeichnet, der sie nach ihren Eltern am meisten geprägt hat.

Ein Handy klingelt. Nein, es klingelt nicht, es furzt nicht, keine besoffenen Elche, keine dumme Sprüche. Stattdessen eine vertraute Stimme. „Tomorrow I shall come to you and stay, Susan…“ singt Dean aus dem Handy. Echte Fans haben eben besondere Einfälle, ihrem Idol zu huldigen. Und so bekommt der Abend ganz plötzlich etwas Mystisches. Die Original-Susan aus dem Film und der dazugehörende Song, beide wieder vereint. „Mein absolutes Lieblingslied!“ erklärt Susan, nachdem sich die erste Überraschung gelegt hat. Sofort macht sich bei ihr Begeisterung breit. „Das muß ich unbedingt auch haben!“ Schnell ist man sich einig und klärt die technischen Details des Datenaustausches…

Es gibt unzählige Lieder auf dieser Welt, es gibt wenige Lieder, die man einem Menschen zuordnet. Elton Johns „Candle in the Wind“ und Prinzessin Diana gehören zusammen, „Time to say goodbye“ wird immer mit Henry Maske in Verbindung gebracht werden. Und es gibt Lieder, die gehören einem Menschen ganz alleine! Egal, wieviele Menschen dieses Lied auch hören, nur für diese eine Person, die dieses eine Lied „besitzt“, hat ein Musikstück den gleichen unbezahlbaren Wert wie Gold und Diamanten oder teure Gemälde für Andere.

Susan darf sich glücklich schätzen, so ein Lied zu besitzen.

Nur um sicher zu gehen hat der Verfasser dieser Zeilen ein paar Tage nach dem Treffen noch einmal bei Susan nachgefragt. „Es bedeutet mir doch sehr viel, das habe ich am Samstag gemerkt. Das Lied wurde erst komponiert, als Dean mich schon kannte und daher würde ich schon sagen, es ist nur für mich entstanden.“ bestätigt Susan. Ob Komponist Karel Svoboda und Interpret Dean Reed damals wußten, welche Langzeitwirkung so ein Lied auf ein kleines elfjähriges Mädchen haben könnte?

Es wird Nacht in Berlin, die Feier neigt sich ihrem Ende entgegen. Susan verabschiedet sich, nicht ohne sich noch einmal für die Einladung zu bedanken. Als sie in die Nacht heraus tritt, wird aus Susan wieder Kerstin mit einem bürgerlichen Leben, mit eigener Familie. Susan bleibt als Erinnerung in der Vergangenheit zurück.
Drinnen im Club lauscht man den Hits von Dean Reed, macht Pläne fürs nächste Treffen.

Wer weiß, vielleicht gibt es ein Wiedersehen mit Susan. Wie heißt es doch im Lied?
„…Träum davon, was man erleben kann, Susan.
Morgen fangen wir schon damit an, Susan.
Uns soll nie ein Spaß entgehen, alles wollen wir sehn…“

ICESTORM veröffentlichte eine DVD-Box mit 4 Filmen, in denen Dean Reed mitspielt. Der Film “Sing, Cowboy, Sing” befindet sich auf der vierten DVD dieser Box.

Der Artikel erschien in der Onlinezeitung „American Rebel“ am 11. Oktober 2008.