Das tapfere Schneiderlein

Das Erste
Erstaustrahlung: 26.12.2008

Das-tapfere-Schneiderlein CoverDie Geschichte ist hinlänglich bekannt: Ein Schneiderlein saß auf seinem Tisch und nähte Kleider für die reichen Herrn. Vor ihm liegt sein spärliches Essen. Als sich ein paar Fliegen über das Essen machen, haut das Schneiderlein zu und erlegt sieben auf einen Streich. Voller Stolz über seinen Erfolg beschließt das Schneiderlein, in die Welt hinauszuziehen und dort sein Glück zu versuchen. Unterwegs muß er sich mit Riesen messen und gelangt anschließend an den Hof des Königs. Dieser verspricht ihm die Königstochter, wenn er die Riesen besiegt, das Einhorn fängt und die wilde Sau einsperrt. Natürlich meistert unser Schneiderlein alle Aufgaben. Soweit die Nacherzählung…

Im Rahmen der ARD-Fernsehreihe „Sechs auf einen Streich“ produzierte der Norddeutsche Rundfunk die Neuverfilmung dieses Märchens. Herausgekommen ist ein sehenswertes und unterhaltsames Filmchen, das nicht nur die Kinder, sondern auch die Erwachsenen begeistern wird. Die Vorgabe war, die Geschichte in 60 Minuten abzuhandeln. So waren die Autoren letztlich gezwungen, auf überflüssige Nebenhandlungen zu verzichten und sich ganz auf die Geschichte vom Schneiderlein und seinen Abenteuern zu konzentrieren. Um den Figuren die Anonymität zu nehmen, bekamen alle Personen einen allgemein gebräuchlichen Namen verpaßt. So entsteht beim Zuschauer eine Art Vertrautheit mit den handelnden Personen.

Das tapfere Schneiderlein

Das tapfere Schneiderlein (Kostja Ullman, vorn) soll mit Hilfe der Kriegsherren (Clemens Deindl, links, Udo Jolly, Mitte, und Jons Hart, rechts) 3 Mutproben bestehen.
© NDR/Susanne Dittmann

Der Film gewinnt noch zusätzlich an Charme, weil Regisseur Christian Theede weitgehend auf überflüssige Computertricks verzichtet. Statt digitaler Effekte nutzt man einfache optische Täuschungen und Kameratricks, um beispielsweise die Größenunterschiede zwischen Schneiderlein und den Riesen glaubhaft darzustellen. Lediglich das Einhorn wurde am Computer erzeugt und später in den Film eingearbeitet.

Zu einem guten Film gehören auch gute Darsteller. Das tapfere Schneiderlein David wird von Kostja Ullmann dargestellt. Mit einer großen Portion Übermut, etwas zuviel Selbstvertrauen, aber auch mit List und Verstand gelingt es seinem Schneiderlein, alle Prüfungen zu meistern und das Herz der Prinzessin Paula zu erobern.

Sechs auf einen Streich

Prinzessin Paula (Karoline Schuch) wartet auf den Richtigen.
© NDR/Susanne Dittmann

Karoline Schuch als Paula hat das Talent, ihrer Figur etwas kindlich Verspieltes und gleichzeitig das für Teenager typisch Rebellische zu verleihen. Obwohl sie selbst schon Mitte 20 ist, nimmt man Karoline Schuch jederzeit die junge, noch nicht ganz erwachsene Prinzessin ab. Auch größenmäßig paßt sie optisch perfekt zu Kostja Ullmann. Schuch und Ullmann harmonieren so gut vor der Kamera, daß sich der Zuschauer schon deshalb wünscht, der „Kröterich“ Klaus (Dirk Martens), seines Zeichens Berater des Königs, bekommt die Prinzessin nicht.

Apropos König. König Ernst, gespielt von Axel Milberg, ist der eigentliche Star des Films und sorgt für die meisten Lacher. Zwar hat er viel Macht, aber wenig Lust zu regieren. Außerdem hat er ständig Kopfschmerzen und wirkt darüber hinaus immer ein klein wenig vertrottelt. Milbert genießt es, seinem König etwas Komisches zu verleihen und erinnert darin ein wenig an den großen Heinz Erhardt. Seine Wortverdreher sind die Höhepunkte des Filmes.

Auch die Nebenrollen sind durchweg gut besetzt. Als Mus-Bäuerin flirtet Hannelore Hoger mit dem Schneiderlein. Marleen Lohse verkörpert die Magd Frederike, gleichzeitig Paulas beste Freundin. Den Riesen Lothar spielt Timo Dierkes.

Was bleibt noch in Erinnerung? Es ist wieder Zeit für deutsches Liedgut. Sowohl das Schneiderlein als auch die Höhlenriesen trällern bekannte Melodien. Und Karoline Schuch erklärt dem Schneiderlein, was gegen Stottern hilft. Dazu singt sie das bekannte Volkslied „Dat du min Leevsten büst“. Karoline Schuch nahm in Vorbereitung der Dreharbeiten extra Gesangsunterricht. Schuchs glasklare Stimme hat etwas Beruhigendes, Friedliches und zeigt, welches Talent noch in ihr schlummert.

„Das tapfere Schneiderlein“ ist eindeutig die beste filmische Umsetzung bekannter deutscher Märchen in den vergangenen Jahren. Mit viel Liebe zum Detail, ohne große Spezialeffekte und einer kleinen Prise Humor gelang den Filmemachern etwas, was viele ihrer Vorgänger nicht geschafft haben: einen Film zu drehen, der das Potential hat, ein Klassiker zu werden.

Das tapfere Schneiderlein

Der König (Axel Milberg, Mitte) hält sein Versprechen: Schneider David bekommt die schöne Prinzessin (Karoline Schuch) zur Braut.
© NDR/Susanne Dittmann

Zwischen „Der kleine Muck“ und „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ lagen 20 Jahre. Jede Generation hat „ihre“ Märchenverfilmung. „Das tapfere Schneiderlein“ könnte diese Tradition fortsetzen. Vielleicht müssen wirklich immer erst Jahrzehnte vergehen, ehe sich wieder eine Märchenverfilmung in den Herzen der Zuschauer festsetzt.

 Die Rollen und ihre Darsteller

Schneider David – Kostja Ullmann
Prinzessin Paula – Karoline Schuch
König Ernst – Axel Milberg
Klaus (Berater des Königs) – Dirk Martens
Mus-Bäuerin – Hannelore Hoger
Riese Lothar – Timo Dierkes
Frederike – Marleen Lohse
Frederikes Mutter – Heike Falkenberg

Film-Stab

Buch – Dieter Bongartz, Leonie Bongartz
Regie – Christian Theede
Kamera – Philipp Timme
Schnitt – Martin Krahner
Kostüme – Susanne Platz
Produzent – Elke Ried
Produziert von – Ziegler Film Köln

Auf der im Handel erhältlichen DVD befindet sich noch ein 18minütiges Making Of, welches nicht nur die Beziehungen der Schauspieler zu ihren jeweiligen Filmfiguren erklärt, sondern auch Details zu den Dreharbeiten und den verwendeten Kameratricks. Ebenso aufschlußreich ist das 5minütige Special, welches im Tigerentenclub lief und ebenfalls als Bonus auf die DVD gepackt wurde.

Das Bild ist klar, wie man es von einer DVD erwarten kann. Es steht jedoch lediglich eine deutsche Tonspur zur Verfügung. Untertitel sucht man vergebens. Das Menü ist musikalisch mit dem Hauptmotiv des Films unterlegt. Weitere Extras gibt es nicht.

Auf der Coverinnenseite befinden sich Hinweise zu den anderen Veröffentlichungen der Film – Reihe.

Filmkritik veröffentlicht am 22.03.2009 auf Zelluloid klein