Die schönste Indianerin

Zum 65. Geburtstag von Renate Blume

Es gibt nicht wenige Kunst- und Kulturschaffende, die im Verlaufe ihrer langen künstlerischen Karriere alles versucht haben, um sich unsterblich zu machen. Mit etwas Talent, Glück und Verstand reicht es für manche Gesangsinterpreten, einen einzigen Hit zu landen, um für den Rest des Lebens ausgesorgt zu haben. Bei Film- und Theaterschaffenden ist das schon etwas schwieriger, da man ständig präsent ist, sei es durch Wiederholungen im TV, DVD-Veröffentlichungen oder aktuelle Arbeiten im Kino oder auf der Bühne. Hinzu kommt, daß ständig Werke zu Beginn einer Karriere mit Produktionen der heutigen Zeit verglichen werden können, Tops und Flops genau registriert werden.

Und dann gibt es noch die Kategorie jener Künstler, die ohne groß Einfluß nehmen zu können auf einmal zu einer ungewöhnlichen Berühmtheit kommen. Nehmen wir nur mal die Indianerfilme der DEFA. Sofort assoziiert man damit den Schauspieler Gojko Mitic, weil er in fast allen DEFA-Indianerfilmen die Hauptrolle spielte. Gojko Mitic und Indianerfilm gehören einfach zusammen. Aber gleichzeitig fallen in diesem Zusammenhang immer wieder zwei weitere Namen: Rolf Hoppe und Renate Blume.

Hoppe ist wahrscheinlich der schlimmste Film-Bösewicht der DEFA-Geschichte. Diesem Image verdankt er der Tatsache, daß es ihm vorbehalten war, den Helden einer ganzen Generation – Gojko Mitic eben – im Film umzubringen. Eine ganze Republik hasste ihn dafür.

Aber wo Schatten ist, muß irgendwo auch ein Licht sein. Dieses Licht strahlt Renate Blume aus. Sie war und ist im Gedächtnis vieler Menschen die Frau an Häuptling Mitics Seite. Fragte man in der DDR nach Gojkos Filmpartnerin, lautet – selbst heutzutage noch – die Antwort immer: Renate Blume. Weder Barbara Brylska noch Annekathrin Bürger erreichten jemals den Status einer Renate Blume, obwohl beide öfters in den Indianerfilmen mitspielten. In der öffentlichen Wahrnehmung der DDR gehörten Renate Blume und Gojko Mitic zusammen wie Humphrey Bogart und Ingrid Bergmann, wie Gary Cooper und Grace Kelly. Und da es in der DDR keine Klatschpresse gab, wurde diese Verbindung auch nicht künstlich hochgeputscht, wie es bei den Brangelinas der heutigen Zeit der Fall ist. Die DDR hatte ihr Traumpaar, und das bestand aus Renate Blume und Gojko Mitic!

Umso überraschter ist der Zuschauer und DEFA-Filmfan, wenn er erfährt, daß Renate Blume nur in „Ulzana“ die Frau des gleichnamigen Apachen-Häuptlings spielte und damit gleichzeitig die Filmpartnerin von Gojko Mitic war. Eine kleine Nebenrolle in „Apachen“, dem Vorläufer von „Ulzana“, ist nicht erwähnenswert, weil nicht im Gedächtnis geblieben.

Nur eine einzige Rolle, die als Ulzanas Ehefrau Leona, katapultierte Renate Blume so sehr ins öffentliche Bewußtsein eines ganzen Landes und darüber hinaus, wie es sonst nur den ganz Großen der Filmbranche vorbehalten ist. Und niemand fragt, warum. Keiner weiß eine Antwort auf die Frage, warum ausgerechnet dieses Filmpaar eine fast schon legendäre Berühmtheit erlangte – es ist eben so, als sei es ein Naturgesetz….

UlzanaJene Szene, wo Häuptling Ulzana schützend die Hand um Leona legt, wird zum Hauptmotiv auf den offiziellen Begleitmaterialien wie Filmprogramm und -Plakat. Dieses Bild, das eine unendlich große Liebe vermittelt, prägt sich beim Betrachter ein, so daß er sich noch Jahre später daran erinnert. Es wird zum Symbol, das länger als einen (Kino-)Sommer Bedeutung hat: Die schöne Indianerin und der stolze Häuptling – der Filmheld der Nation beschützt die Frau an seiner Seite.

Und es gibt dieses Foto, wo Ulzana und Leona auf Pferden durch die Prärie reiten, losgelöst von allen dramaturgischen Vorgaben, einfach drauf los.

Zwei Bilder, die Emotionen erzeugen, die den Wiedererkennungswert steigern. Bilder, die Schuld tragen, die auch mithalfen, jenen Mythos aufzubauen, der dieses Paar immer noch im realen Leben umgibt und der wahrscheinlich nie enden wird.

Fast schon entschuldigend rechtfertigt sich Renate Blume Jahre später in der „Riverboat“-Talkshow am 6. März 2009, daß sie doch nur in EINEM einzigen Indianerfilm die Hauptrolle spielte und überhaupt nicht nachvollziehen kann, wie es dadurch zu diesem Mythos kommen konnte.

Auslöser für diese Beinahe-Entschuldigung ist ein Kompliment des ehemaligen ARD-Programmdirektors und „Riverboat“-Moderators Dr. Günter Struve an Renate Blume gerichtet: „Sie sind die schönste Indianerin gewesen, die ich kenne“. Und jeder, der „Ulzana“ gesehen hat, stimmt Struve in diesem Moment vorbehaltlos zu. Die Mischung aus künstlerischer Klasse und Ausstrahlung verschaffte Renate Blume nachträglich ein Kompliment, was durchaus als Wertschätzung ihrer damaligen Arbeit gedeutet werden kann. Eine Wertschätzung, die wahrscheinlich mehr bedeutet als alle Filmauszeichnungen dieser Welt zusammen!

„Ulzana“ bleibt nicht der einzige Höhepunkt in Renate Blumes Karriere. In der beliebten Serie „Archiv des Todes“ des Fernsehens der DDR ist sie zunächst nur in einer kleineren Rolle besetzt. Als Spielball im Machtpoker des von Ulrich Voß dargestellten Obersturmbahnführer Flint und Alfred Struwes Standartenführer Hauk muß Renate Blume gegen zwei nationale Filmgrößen antreten, die allein schon durch ihre Statur und Körpersprache Präsenz zeigen. Wieviele Schauspielkollegen haben gegen solche Kaliber schon den Kürzeren gezogen. Renate Blume hält dagegen und agiert, zwar größenmäßig unterlegen, dennoch auf Augenhöhe mit den Beiden.

Ebenfalls Mitwirkender in der Serie: Gojko Mitic. Und wieder ist er ihr Beschützer. Nur kommen der Partisan und die Widerstandskämpferin diesmal in „Archiv des Todes“ nicht zusammen! Aber das Publikum registriert wieder diese besondere Beziehung der beiden Schauspieler, nimmt wieder wahr und erinnert sich an das, was schon einmal gewesen ist. Der Zauber der Beiden, das Besondere, Unverwechselbare, funktioniert noch immer!

In der Folgezeit wird Renate Blume eine der vielbeschäftigsten und beliebtesten Schauspielerinnen der DDR. Ob eher kleine Rollen wie in „Benno macht Geschichten“ oder tragende Rollen wie in der Fernsehserie „Barfuß ins Bett“, Renate Blume bleibt ständig präsent.

Und dann war da noch Dean Reed. Den in der DDR lebenden Amerikaner lernte Renate Blume bei den Dreharbeiten zum DEFA-Abenteuerfilm „Kit & Co.“ kennen und später lieben. Zwar gab es noch einmal eine gemeinsame Moderation des „Kessel Buntes“ mit Gojko Mitic im Juni 1980, aber die Hochzeit von Dean Reed und Renate Blume im September 1981 beendete schlagartig die Hoffnung der Fans auf eine Fortlebigkeit des Traumpaares Mitic/Blume. Nicht wenige Menschen waren sauer auf Dean Reed, weil er den hübschen Fernsehliebling bekam und nicht Gojko Mitic. Zu tief hatte sich inzwischen die Beziehung zwischen Gojko Mitic und Renate Blume, die mit „Ulzana“ begann und schon lange beendet war, ins Gedächtnis eingebrannt.

Das neue Traumpaar der DDR hieß nun Blume/Reed und wurde von der Öffentlichkeit aufmerksam verfolgt und später mit Wohlwollen begleitet, als man merkte, daß es funktioniert. Und trotzdem blieben die Fan-Lager gespalten. Entweder Mitic oder Reed – beides zusammen ging nicht. Das schienen auch die beiden Männer zu wissen. Renate Blume wurde schließlich zum versöhnenden Schnittpunkt beider Lager. Man gönnte ihr den Amerikaner, selbst wenn man ihn nicht mochte.

Der Karriere Renate Blumes tat die Ehe mit Dean Reed keinen Abbruch. Längst war sie in die erste Reihe der Film-und Fernsehstars der DDR getreten. Und als nach der Wende die Angebote ausblieben, kehrte sie kurzerhand zu ihren Wurzeln zurück und spielt Theater.

„Die schönste Indianerin“ ist älter geworden. Sie ist würdevoll gealtert und dennoch jung geblieben. Noch immer steht Renate Blume vor der Kamera oder auf der Theaterbühne. Daß sie jetzt offiziell in Rente geht, nimmt sie eher gelassen, fast schon amüsiert, hin. Sie sei nun eigentlich nicht mehr auf Rollenangebote angewiesen, um ihren Lebensunterhalt verdienen zu müssen. Trotzdem oder gerade deswegen kündigte sie an, weiterarbeiten zu wollen, solange es ihr noch Spaß bereitet.

Wäre die schönste Indianerin nicht den Filmtod gestorben, würden ihr heute wahrscheinlich alle Indianerstämme zu Füße liegen. So bleibt es ihren Fans, Freunden, Wegbegleitern und Schauspielkollegen vorbehalten, sich zu erheben und tief zu verbeugen vor einer Künstlerin, die für viele Menschen inzwischen Teil der eigenen Biografie geworden ist, weil sie auf der persönlichen „Mag-ich“-Liste ganz weit oben steht. Wir verneigen uns vor einer Frau, die mit einer einzigen Rolle schon zu Lebzeiten legendär geworden ist und die ein Lächeln in die Herzen der Menschen zaubert, daß Jahrzehnte überdauert und noch immer anhält. Und wir verneigen uns vor einer Künstlerin, die durch ihre Ausstrahlung, ihre Natürlichkeit, ihre gesamte Erscheinung und nicht zuletzt durch ihr künstlerisches Schaffen über Jahrzehnte hinweg selber Teil eines Traumes wurde und dadurch anderen Menschen Träume erfüllt und glückliche Momente verschafft hat!

Herzlichen Glückwunsch zum 65. Geburtstag und Alles Gute, Renate Blume!