Warum Platten verhindert und Filme nicht gedreht wurden!

Zeiten ändern sich.

Bereits zum dritten Mal trafen sich Ende September ehemalige Kollegen, Nachbarn, Weggefährten und Fans von Dean Reed in Berlin zum „Fantreffen“.
Im Vorfeld dieses Treffens bekam der Autor dieses Beitrages eine Mail, in der die Zielgruppe dieses Treffens genau definiert wurde: die Masse der Fans sind „… Mädels, die für Dean schwärmen und sich seine Lieder heimlich auf dem Klo anhören, damit ihr Ehemann es nicht mitbekommt!…“

Keine Ahnung, wo sich diese Fans getroffen haben, beim Berliner Fantreffen 2009 kann es jedenfalls nicht gewesen sein. Denn was die Organisatoren des Treffens auf die Beine gestellt haben, ist spätestens seit diesem Jahr keine Ansammlung mehr von schmachtenden weiblichen Fans, die Dean Reed zu ihrem Heiland erklärt haben und nur noch ihn im Sinn haben. Was sich bereits im letzten Jahr andeutete, als Reeds Filmtochter aus dem Film „Sing, Cowboy, Sing“ als „Stargast“ am Treffen teilnahm, wurde dieses Jahr konsequent fortgesetzt: noch mehr Promiauflauf sorgt für ein Podium, das sich das Ziel gesetzt hat, den Mensch und Künstler Dean Reed so zu zeigen, wie ihn die meisten Menschen nie kennengelernt haben.

Und wer sich die Mühe machte, mal die Liste der Eingeladenen genauer zu studieren, kommt zu dem Schluß, daß diese „Aufarbeitung“ mit Sicherheit noch lange nicht abgeschlossen ist. Zwar gab es die unvermeidlichen Absagen, sei es aus beruflichen oder gesundheitlichen Gründen oder weil man vielleicht der ganzen Sache nicht traut (es gab sogar Namen, bei denen der Autor froh ist, daß sie abgesagt haben….), aber die Tendenz zeigt deutlich nach oben. Hier wird ernsthaft diskutiert und kritisiert, der „Heiland“ entmystifiziert. Und keiner der Gäste meldet Protest an, sondern akzeptiert, daß Reed so war wie er war!

Steineckert+Habel

Gisela Steineckert im Gespräch mit F.B. Habel

Gisela Steineckert war nicht nur Texterin für Dean Reed, sondern auch gute Freundin, wenn nicht gar Vertraute. In ihrem Buch „Das Schöne an den Männern“ widmet sie Dean Reed ein Kapitel, welches sie den Anwesenden vortrug. Und offenbarte dabei, daß sie Dean Reed für einen mittelmäßigen Schauspieler und noch mittelmäßigeren Sänger hielt. Aber Dean Reed war eben auch ein herzensguter Mensch, zwar etwas leichtgläubig in manchen Dingen, aber grundehrlich. Ein Mensch, der es nicht verdient hatte, daß man sich über ihn lustig macht. Und so schildert Gisela Steineckert ausführlich und mit viel Sinn für Humor ihren verzweifelten Kampf gegen die Veröffentlichung einer Schallplattenaufnahme bei AMIGA, um den Sänger Dean Reed vor Häme und schlechter Meinungsbildung zu schützen. Zwar wurde die Platte letztendlich auf Veranlassung des AMIGA-Chefs doch veröffentlicht, aber die Verkaufszahlen gaben Steineckert Recht.

Auch private Dinge über Dean Reed waren von ihr zu erfahren – Dinge, die in keinem Buch stehen…

Kurt Hälker war stellvertretender Generalsekretär des DDR-Friedensrates und derjenige, der den bis dahin unbekannten Dean Reed bei einer Konferenz in Moskau „entdeckte“ und in die DDR einlud. Was daraufhin folgte, ist hinlänglich bekannt. Und während Gisela Steineckert eher den Sänger Reed beschrieb, galten Hälkers Ausführungen dem Friedensaktivisten Reed und gemeinsamen Reisen rund um den Globus im Dienstes des Weltfriedens.

Kurt Hälker nutze aber auch die Gelegenheit, Kritik am Film „Der rote Elvis“ zu nehmen, weil seiner Meinung nach der Abschnitt fehlte, wie Reed in die DDR kam. Da traf es sich hervorragend, daß der Regisseur des Films Leopold Grün ebenfalls am Treffen teilnahm und gleich Stellung nehmen konnte. Man einigte sich schließlich auf ein Vier-Augen-Gespräch, nicht ohne vorher festzustellen, daß das Leben Dean Reeds zu vielschichtig war, um es in einem einzigen Film zu würdigen. „Irgendwann wird der Regisseur von ‚Der rote Elvis Teil 2‘ hier vor Ihnen stehen und dann über seinen Film berichten!“ ist sich Leopold Grün sicher.

Hälker+Grün

Kurt Hälker (links) im Dialog mit Leopold Grün

Grün

Leopold Grün

Über einen Film, der nie gedreht wurde, erzählte Günter Reisch. „Bloody Heart“ (AT „Wounded Knee“) wäre Dean Reeds Reputation als Filmemacher und gleichzeitig der vermutlich teuerste DEFA – Film aller Zeiten geworden. Drei Jahre Vorbereitungszeit, unzählige Drehbuchänderungen, aussichtslos scheinende Verhandlungen mit sowjetischen Behörden, Finanzierungsprobleme – Günter Reisch, der mit Reed das Drehbuch schrieb und Regie führen sollte, hat viel Herzblut in dieses Projekt fließen lassen. Reeds plötzlicher Tod sorgte dafür, daß dieses Projekt wahrscheinlich für immer unvollendet bleibt, auch weil sich die Zeiten geändert haben.

Reisch

Günther Reisch
(c) für alle Fotos: Thori, 2009

Allerdings konnte Reisch auch von einer Begebenheit erzählen, von der viele Filmemacher nur träumen. Hollywood rief tatsächlich bei ihm an und wollte jemanden bei ihm vorbeischicken. Ein paar Tage später klingelte es an Reischs Tür. Als er öffnete, stand Tom Hanks vor der Tür. Es ging um die geplante Verfilmung von Reeds Leben.

Solche Anekdoten, wie sie Gisela Steineckert, Kurt Hälker und Günter Reisch mit Dean Reed erlebten und nun unter das Volk brachten, machen den Charme des Berliner Fantreffens aus. Wer nur Dean Reed anhimmeln möchte, kauft sich CDs oder DVDs und schließt sich zu Hause auf dem Klo oder sonstwo ein. Wer etwas über den Menschen Dean Reed erfahren möchte, ist gut beraten, Treffen wie diese in Berlin zu besuchen. Das erkannte auch ein Gast aus dem ehemals westlichen Teil Deutschlands, der erst mit dem Film „Der rote Elvis“ auf Dean Reed aufmerksam wurde. Zur Überraschung Vieler wurde nämlich Reed von der Friedensbewegung in der Alt-BRD überhaupt nicht wahrgenommen. Erst jetzt, im vereinigten Deutschland, gibt es für Ost und West die Chance, Reed kennenzulernen. Zeiten ändern sich eben. Und weil das so ist, wird es wohl auch ein viertes Treffen geben, dann hoffentlich wieder mit interessanten und interessierten „Prominenten“, die eigentlich gar nicht als solche wahrgenommen werden, sondern als Gleichgesinnte, die eben nur mal das Glück hatten, Dean Reed aus welchen Gründen auch immer etwas näher gekommen zu sein und darüber berichten. Und wo dann die Zielgruppen-Klischees (siehe oben) ein für alle mal beseitigt sind. Denn nicht nur die Zeiten ändern sich, sondern auch die Menschen.

Artikel veröffentlicht:

06.10.2009