Sportsfreund Lötzsch

cover_dvd_bigPremiere: 30.10.2007

„Sportsfreund Lötzsch“ ist eine sehenswerte Dokumentation über den ehemaligen DDR-Radsportler Wolfgang Lötzsch.

In den 70er und 80er Jahren war Lötzsch der wohl beste Radrennfahrer, den die DDR hatte. Er hatte angeblich noch mehr Talent als später ein gewisser Jan Ulrich. Klar, daß er regelmäßig den anderen Fahrern auf und davon fuhr. Sein großer Traum war die Teilnahme an den Olympischen Spielen und der Internationalen Friedensfahrt, damals das größte Radrennen im Amateurbereich. Wolfgang Lötzsch hatte nur ein Problem: er wollte sich nicht unterordnen und politisieren lassen, sondern einfach nur Radrennen fahren. Schnell geriet er in den Fokus des Ministeriums für Staatssicherheit, weil er sich weigerte, in die SED einzutreten. Seinen Traum konnte er vergessen, denn er wurde nicht so gefördert wie andere Athleten. Während also in den großen Radsport-Clubs die Kaderathleten jegliche Unterstützung erhielten, mußte sich Lötzsch in einer Betriebssportgemeinschaft selber zu helfen wissen und improvisieren. Und weil sich Lötzsch auch weiterhin nicht dem Willen der Obrigkeit beugen wollte, landete er wegen „Staatsverleumdung“ für 10 Monate im Gefängnis. Als er wieder draußen war, ging das Spiel weiter: Lötzsch ließ sich von nichts beirren und gewann weiter seine Rennen, sehr zum Leidwesen der Funktionäre…

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Wolfgang Lötzsch heute
(Quelle: ASCOT Elite)

Die Regisseure Sandra Prechtel und Sascha Hilpert lassen nicht nur Wolfgang Lötzsch zu Wort kommen, sondern auch ehemalige Freundinnen, Trainer und Begleiter von früher. Sogar der damals für Lötzsch zuständige Major des MfS, Heinz Engelhardt, äußert sich zu Wolfgang Lötzsch – mal herablassend, mal voller Respekt.

So entsteht nicht nur das Porträt eines außergewöhnlich talentierten Radfahrers, sondern auch ein Einblick in die Sportpolitik der DDR. Wie ein Puzzle wird durch die Schilderungen der Zeitzeugen das Bild zusammengesetzt. Man beschränkt sich auf das Wesentliche, Filmaufnahmen von damals werden äußerst sparsam eingesetzt. Die Kameraführung und der Schnitt lassen viel Platz für ruhige Momente. Man zeigt Lötzsch, wie er in der Gegenwart angekommen ist: als Mechaniker beim Milram-Team, beim Reparieren in der heimischen Werkstatt, beim Training. Und man gibt ihm viel Zeit, sich zu erinnern. So bleibt die Kamera manchmal fast minutenlang auf Lötzsch gerichtet, obwohl schon alles gesagt schien, um ihm dann doch noch einen Satz zu entlocken. Manche Szene hat sogar etwas tragikomisches, etwa als Lötzschs Frau einen ihr bis dahin unbekannten, an sie gerichteteten Brief liest.

„Sportsfreund Lötzsch“ ist kein Film, der Anklage erhebt. Es ist ein Film über einen Mann, dem man seinen Traum geraubt hat, der scheinbar immer einsam war und ist. Sicherlich wurde Wolfgang Lötzsch Opfer einer verfehlten Sportpolitik, sicher kam er den Funktionären und Institutionen der DDR in die Quere. Lötzsch gehört zu der Sorte Mensch, der nicht ständig klagt und sich in der Opferolle sieht. Lötzsch ist ein stiller, nachdenklicher Mensch, ohne Ambitionen zum großen Helden. Für den „kleinen“ Helden Wolfgang Lötzsch setzt ihm der Film „Sportsfreund Lötzsch“ ein Denkmal.

Diese Filmkritik wurde am 21.10.2008 auf Zelluloid klein veröffentlicht.

Flamenco Surealisto

flamencologoFilme in Spielfilm-Länge haben manchmal den Nachteil, daß zuviele Nebenhandlungen die eigentliche Story künstlich aufblähen und daß man sich im schlimmsten Falle, nämlich wenn der Film nicht gefällt, bis zum vorhersehbaren Happy-End langweilt. Oder man schaltet einfach ab und widmet sich anderen Dingen.

Bei Kurzfilmen dagegen wird auf alles Überflüssige verzichtet, man konzentriert sich auf das Wesentliche und spart vielleicht sogar bei den Dialogen. Der Film ist schneller zu Ende und man hat Zeit gewonnen.

Der Kurzfilm „Flamenco Surealisto“ entstand durch Studenten im Rahmen ihres Vordiploms. Später gründete sich daraus die Produktionsfirma RATTENSchaf. Als Hauptdarsteller konnten die „Profis“ Ellenie Salvo González und Klaus Nierhoff sowie Peer Augustinski als Erzähler gewonnen werden.

Regie führten Katja Klüting und Kai Stänicke. Ihr Erstlings-Werk hat aber schon einen Nachteil: der Film ist zu kurz! Man kann einfach nicht genug bekommen von dieser schrillen Komödie. Für einen 13-Minüter hat dieser Film nämlich erstaunlich viel Handlung. Aber wie schreibt man nun eine Kritik über einen Kurzfilm, ohne zuviel zu verraten?

Bei Hubert Blum, gespielt von Klaus Nierhoff, wird Diabetes festgestellt. Seine spanische Pflegekraft mit dem lieblichen Namen Concepciòn Anita Maria Jimenez Sanchez Perez de la Cruz (Ellenie Salvo González) sieht verteufelt gut aus. Klar, daß sich Hubert sofort in sie verliebt. Concepciòn hat nur einen Nachteil: sie ist lesbisch und liebt ihre russische Freundin Natalia Pawlowa (Annika Blendl). Hubert gibt aber nicht auf, verkleidet sich als Frau und versucht als Lizzy, Concepciòns Herz zu erobern. Fortan verfolgt er seine Auserwählte überall hin und bringt ihr Leben durcheinander. Nach einem Auftritt als Flamenco-Tänzerin flüchtet Concepciòn wieder mal vor Lizzy, bis sie beschließt, ihn/sie zur Rede zu stellen. Es kommt zum Show-Down mit überraschendem Ausgang…

Leicht und locker verwirklichten die „RATTENSchafe“ ihren ersten Film. Durch überraschende Wendungen in der Handlung und unter Zuhilfenahme von Trickelementen entstand ein richtig kleines Kunstwerk, daß sich mit einem nichtalltäglichen Thema auseinandersetzt: Was passiert eigentlich, wenn sich eine Hetero in eine Lesbe verliebt.

Störendes Beiwerk gibt es in diesem Film nicht, von Anfang an wird mit Tempo auf das unerwartete Finale hingearbeitet. Die Dialoge sind kurz und knapp gehalten, dafür wird meist wird gekreischt, was das Zeug hält – nämlich immer dann, wenn Lizzy bei Concepciòn auftaucht. Allerdings nervt dieses Kreischen nicht wie in manchen Horrorschinken, sondern unterstützt humorvoll die jeweilige Szene.

Die ungekrönte Kurzfilm-Königin Ellenie Salvo González („Flamenco Surealisto“ ist schon ihr 10. Kurzfilm in ihrer noch kurzen Karriere) zeigt einmal mehr ihre Wandlungsfähigkeit. Als Halb-Chilenin ist sie ohnehin die Idealbesetzung der feurigen Spanierin Concepciòn. Wieviel Temperament und Leidenschaft in ihr steckt, zeigt sie in der Szene, als sie Hubert zur Rede stellt und ihn dabei auf spanisch beschimpft (die deutsche Übersetzung läuft übrigens als Laufband unten durchs Bild und es ist ein Vergnügen, diesen nicht ganz jugendfreien Wortlauf mitzuverfolgen!).

Klaus Nierhoff ist die Freude, mal eine Frau zu spielen, sichtbar anzusehen – keine „Mrs. Doubtfire“, sondern eine richtig schrille Tunte, überspitzt dargestellt und trotzdem auch irgendwie liebenswürdig.

Umrahmt wird die Story von heißen Flamenco-Rhythmen. Michèle Lama, Profi-Flamenco-Tänzerin, doubelt Ellenie Salvo González in ihren Tanz-Szenen, Francisco Lama spielt dazu die Gitarre.

Man kann den RATTENSchafen nur wünschen, daß sie mit ihrem Konzept Erfolg haben und noch viele Ideen filmisch umsetzen. Man darf vorallem auf den ersten Film in Spielfilm-Länge gespannt sein. Ihn anzuschauen, wird sicherlich im Vergleich zum Hollywood-Einheitsbrei gut und sinnvoll genutzte Zeit….

Tödliche Versuchung

ZDF-Logo

Erstausstrahlung: 22. April 2013

Helena (Julia Koschitz) bewirtschaftet zusammen mit ihrem Mann Thomas (Marcus Mittermeier) den Kettnerhof im bayerischen Voralpenland. Mit ihrem beiden Kindern Lisa und Sebastian sind sie eine glückliche Familie.

Das Glück gerät ins Wanken, als Helena in München beim Ausliefern der Ware vom charmanten Jurastudenten David (Vladimir Burlakov) angesprochen wird. Der selbstsichere junge Mann umschmeichelt Helena, die sich immer mehr zu David hingezogen fühlt und eine Affäre mit ihm beginnt. Zwar versucht Helena, sich von David zu lösen, schafft es aber nicht.

Tödliche Versuchung

Helena trifft zufällig auf David (Julia Koschitz, Vladimir Burlakov) als sie ihm die Bioware ihres Hofes ausliefert. Es ist eine folgenschwere Begegnung.
(c) ZDF / Jacqueline Krause-Burberg
Quelle: ZDF

Thomas bemerkt Helenas Veränderungen. Er folgt ihr unbemerkt nach München und sieht, wie sich Helena mit David trifft. Als er wenig später David allein zur Rede stellen will, kommt es zur Tragödie: Davids selbstgefällige Art provoziert Thomas. Er ergreift eine Flasche und schlägt damit auf David ein. Erst als David regungslos und blutüberströmt auf dem Boden liegen bleibt, wird Thomas bewusst, dass er David getötet hat. Um die Tat zu vertuschen, lädt Thomas die Leiche in sein Auto und versteckt sie in einem Stall seines Hofes.

Thomas (Marcus Mittermeier) spürt, dass seine Frau Helena (Julia Koschitz) ihm etwas verheimlicht. Er befragt sie zu einem Kunden, den Helena in der Stadt beliefert. (c) ZDF / Jacqueline Krause-Burberg Quelle: ZDF

Thomas (Marcus Mittermeier) spürt, dass seine Frau Helena (Julia Koschitz) ihm etwas verheimlicht. Er befragt sie zu einem Kunden, den Helena in der Stadt beliefert.
(c) ZDF / Jacqueline Krause-Burberg
Quelle: ZDF

Helena macht sich mittlerweile Gedanken, weil sich David nicht mehr meldet. Als die Polizei auf dem Hof erscheint und Fragen stellt, woher Helenas Nummer auf Davids Handy stammt, erfährt sie von Davids Tod. Sie stellt den Kontakt als harmlosen Kundenkontakt dar, was auch Thomas der Polizei gegenüber bestätigt. Helena ahnt, dass Thomas etwas von ihrer Affäre weiß.

Als sie in Thomas‘ Medizinschrank zufällig einen bei David verlorenen Ohrring entdeckt, kommt ihr ein böser Verdacht. Plötzlich kann sie Thomas‘ merkwürdiges und nervöses Verhalten einordnen. Sie beginnt zu suchen und findet den Toten im Stall. Um nicht noch mehr Spuren zu legen, verbrennt Helena die Leiche am Waldrand. Anschließend stellt sie Thomas zur Rede.

Helena ahnt Fürchterliches als sie in der Schachtel mit Thomas' Schlaftabletten ihren Ohrring findet, den sie bei ihrem Liebhaber vergessen hatte (Julia Koschitz). (c) ZDF / Jacqueline Krause-Burberg Quelle: ZDF

Helena ahnt Fürchterliches als sie in der Schachtel mit Thomas‘ Schlaftabletten ihren Ohrring findet, den sie bei ihrem Liebhaber vergessen hatte (Julia Koschitz).
(c) ZDF / Jacqueline Krause-Burberg
Quelle: ZDF

Helena möchte unter allem Umständen verhindern, dass die Familie auseinanderbricht. Da die Polizei weiterhin keinen Verdacht gegen die Eheleute hat, möchte Helena den Mantel des Schweigens über alles stecken. Thomas dagegen möchte sich stellen. Die Schuld, die auf ihm lastet, bringt ihn fast um den Verstand. Hinzu kommt, dass die Kinder mitbekommen, dass etwas mit ihren Eltern nicht stimmt. Die schulischen Leistungen lassen immer mehr nach.

Thomas reagiert zunehmend aggressiver auf seine Umwelt. Er schreit die Kinder an, wird eifersüchtig auf seinen Freund Bernd, nur weil er mal mit Helena tanzt. Auch Helena selbst wird Opfer seiner Wutausbrüche, als Thomas eines Abends Helena vergewaltigt.
Trotzdem hält Helena weiterhin zu Thomas und glaubt immer noch fest daran, dass die Ermittlungen irgendwann im Sande verlaufen werden und wieder Normalität in ihr Leben einzieht. Selbst das Gerede im Dorf, Thomas hätte was mit Lisas Lehrerin, lässt Helena kalt. Sie plant einen gemeinsamen Familienurlaub. Doch plötzlich ist Thomas verschwunden…

Nach den Vorkommnissen der letzten Nacht hat Helena Angst vor ihrem Mann Thomas [Marcus Mittermeier, Julia Koschitz]. (c) ZDF / Jacqueline Krause-Burberg Quelle: ZDF

Nach den Vorkommnissen der letzten Nacht hat Helena Angst vor ihrem Mann Thomas [Marcus Mittermeier, Julia Koschitz].
(c) ZDF / Jacqueline Krause-Burberg
Quelle: ZDF

Auch wenn schnell klar ist, wer in „Tödliche Versuchung“ Opfer und wer Täter ist, bleibt bis zum Ende die spannende Frage, wie Helena und Thomas aus der ganzen Geschichte heraus kommen. Ist ihre Liebe zueinander stark genug, Helenas Affäre vergessen zu machen? Und gelingt es Helena, ihren Mann zu überzeugen, das Wohl der Familie über seine Schuldgefühle zu stellen?

Regisseur Johannes Fabrick inszenierte einen Krimi, der weniger aus der Ermittlungsarbeit der Polizei seine Spannung bezieht, sondern eher aus dem Verhalten der Eheleute Kettner, die versuchen den tiefen Einschnitt in ihrem Leben irgendwie vergessen zu machen. Beide wissen, dass nichts mehr so sein wird wie vorher. Beide wissen aber auch, dass ihre kleine heile Welt noch zu retten ist. In der Hinsicht ist Fabricks Film genreübergreifend auch als Drama oder Psychothriller einzuordnen.

Bereits bei seiner Erstausstrahlung sorgte der Film für reichlich Diskussionen. Das lag vor allem an den gezeigten Sexszenen zu so früher Sendezeit (20:15 Uhr) und daran, dass man bisher Julia Koschitz selten so freizügig gesehen hat.

Die Münchnerin ist auf dem besten Weg zur Volksschauspielerin. Egal, in welcher Rolle man sie auch sieht, Julia Koschitz ist dem Zuschauer auf Anhieb sympathisch. Sie wirkt immer ein wenig scheu und zerbrechlich. Selbst wenn sie eine eiskalte Killerin spielen würde, die einen ganzen Kindergarten niedermetzelt, würde ihr der Zuschauer vermutlich immer noch Sympathie entgegen bringen. Julia als Ekelpaket funktioniert einfach nicht.

Darüber hinaus wählt sie ihre Rollen mit Bedacht aus, seichte Massenware ist nicht ihr Ding, was der Zuschauer wohlwollend honoriert. Und – Julia Koschitz spielt intensiv. Ihr Orgasmus beim Liebesakt mit David in „Tödliche Versuchung“ wirkt sehr viel mehr glaubwürdiger als bei den meisten ihrer Schauspielerkolleginnen in ähnlichen Filmszenen!

Marcus Mittermeier ist der perfekte Gegenspieler. Ihm gelingt es, Thomas‘ Zerrissenheit zwischen Geständnis und Familienrettung glaubhaft darzustellen: das starke Familienoberhaupt wird zu einer Gefahr und mehr und mehr zur schwächsten Kette für den Zusammenhalt der Familie. Die Dominanz schwindet, bis am Ende nur noch ein Häufchen Elend bleibt.

In weiteren Rollen sind u.a. Monika Baumgartner, Heinz-Josef Braun, Anja Knauer und Tilo Brückner zu sehen, die sich aber Dank des Drehbuches von Claudia Kaufmann mehr oder weniger lediglich als Stichwortgeber für Koschitz und Mittermeier einbringen und ihre Rollen somit nicht allzu sehr von den Haupt-Protagonisten ablenken.

Die Rollen und ihre Darsteller

Helena Kettner – Julia Koschitz
Thomas Kettner – Marcus Mittermeier
Lisa – Lara Sophie Rottmann
Sebastian – Patrick Geller
Kommissar Meidinger – Heinz-Josel Braun
David – Vladimir Burlakov
Sarah – Anja Knauer
Kati – Monika Baumgartner

Filmcrew

Regie: Johannes Fabrick
Drehbuch: Claudia Kaufmann
Kamera: Helmut Pirnat
Szenenbild: Antonia Wagner, Hella Stichlmair
Produktion: die film GmbH