Vanessa – Ein Juwel, das nicht geschliffen werden möchte

Auf der Suche“ ist der Name eines interaktiven Films, der derzeit in der Lausitz gedreht wird. Auf die Suche muss sich auch der Filmfreund machen, will er gut gemachtes Kino jenseits vom Einheitsbrei der großen Filmstudios und Fernsehsender sehen. Die Schauspielerin und Produzentin Marina Anna Eich nennt solche 0815-Filme mit austauschbarer Handlung und Darstellern einfach nur Fließband-Produkte.
Manchmal wird der Filmfreund aber auch fündig und es kommen richtige Perlen zum Vorschein – Filme kleinerer und unabhängiger Produktionsfirmen, die vor Kreativität nur so strotzen.

Und manchmal trifft man dabei auf Menschen, die etwas Besonderes haben. Vanessa Jordan-Heinrich ist so ein Mensch.
Die 17jährige aus Raddusch im Spreewald geht noch auf das Gymnasium. Sie versuchte im Frühjahr 2014 in Cottbus bei einem Casting für den Film „Auf der Suche“ ihr Glück. Einige Wochen später steht ihr Name auf dem Filmposter und in den Credits. Vanessa wurde von Regisseur und Produzent Erik Schiesko für die Hauptrolle ausgewählt. „Auf der Suche“ wird ihre erste große Filmrolle. Zuvor spielte Vanessa nur im Schultheater und wirkte als Komparsin im ZDF-Spreewaldkrimi „Die Tränen der Fische“ mit. Und nun die Rolle der Janette, die nachdenklich ist und ihren Platz im Leben sucht. Hinzu kommt, dass Janette ausgerechnet jetzt ihrer ersten großen Liebe begegnet…

Es sind nur ein paar wenige Drehtage, die Vanessa zu absolvieren hat. Der interaktive Film besteht aus Sequenzen eines „Point & Click“-Computerspiels und filmisch umgesetzte Rückblenden, die die einzelnen Spielteile verbinden und Informationen zur Handlung liefern. Geschätzt wird der Anteil an Filmszenen auf etwa 30 Minuten, also durchaus eine anständige Kurzfilmlänge.

Dem neutralen Beobachter und besagtem Filmfreund, der aus den verschiedensten Gründen am Filmset von „Auf der Suche“ tätig ist und die hübsche Blondine während der Dreharbeiten sieht, fällt sofort Eines auf: Da hat aber mal Jemand soviel Talent, das reicht für mehrere „Daily-Soap“- und Möchtegern-Schauspieler zusammen!
Am ersten Drehtag hält man das noch für eine Eintagsfliege, am zweiten Drehtag – na, ja, kann passieren, dass man mal einen guten Tag hat. Doch die guten Tage werden immer mehr und der Gesamteindruck wird nicht schlechter!

Dreharbeiten zu "Auf der Suche", 24.06.2014

Szenenfoto aus „Auf der Suche“ mit Vanessa Jordan-Heinrich und Leander Linz

Vanessa ist zwar das „Küken“ am Filmset, lässt sich das aber nicht anmerken. Sie spielt sich nicht in den Vordergrund, verbreitet stattdessen ständig gute Laune, flirtet regelrecht mit den Kameras, egal ob Film-, Making-Of oder Setfoto-Kamera. Sie kommt mit den anderen Darstellern genauso gut klar wie mit den Leuten vom Filmteam. Sie erscheint top vorbereitet am Set. Wo andere Schauspieler, auch Profis, noch mal kurz einen Blick ins Drehbuch riskieren, um zu prüfen, ob der Text sitzt, kommt Vanessa ohne Spickzettel aus. Vorgaben des Regisseurs werden anstandslos umgesetzt, gewünschte Emotionen wie Traurigkeit oder Wut sind spätestens beim dritten Versuch abrufbereit. Vanessa hat mehr als einen Gesichtsausdruck auf Lager, Gestik und Mimik passen zur Rolle. Fast scheint es, als habe sie diese verinnerlicht.

Und dann macht sie ihr Meisterstück. In einer Szene soll sie mit einem Nervenzusammenbruch aus lauter Verzweiflung und voller Wut ihr Zimmer verwüsten. Die Ansage des Regisseurs war, erst mal alles bewegliches Mobiliar auf links drehen. Sollte etwas übersehen werden, ruft er hinein. Zum Schluss war geplant, eine Vase an die Wand zu schleudern.
Doch es kommt anders. Nach dem „Und bitte!“ des Regisseurs fängt Vanessa mit ihrem Zusammenbruch an. Erstes Opfer: die Vase. Der Wurf an die Wand kommt so plötzlich, spontan und so heftig mit voller Wucht, dass alle hinter der Kamera zusammenzucken. Vanessa tobt sich aus, ein Reinrufen ist gar nicht notwendig. Ohne Rücksicht auf die im Zimmer liegenden Scherben von der Vase tut die barfüßige Vanessa das, was laut Drehbuch verlangt wird: Voller Spielfreude ein Zimmer verwüsten.

2014-07-04 Dreharbeiten zu ''Auf der Suche'', Janettes Zimmer 027

Nach dem Nervenzusammenbruch

Man kann solche Szenen in mehreren Einstellungen drehen, choreografieren oder mit Double drehen. Oder man vertraut seiner Hauptdarstellerin, lässt sie einfach spielen und hofft, dass es gut geht.
Bei Vanessa geht alles gut – keine Verletzungen, aufatmende Betreuer, ein zufriedener Regisseur, eine schwierige Szene mit Leichtigkeit gemeistert, perfekte Bilder im Kasten.

Als Schauspielerin kann man so eine Szene leicht verhauen. Oder man hat etwas, das man nur bedingt als „Talent“ bezeichnen kann. Vanessa ist scheinbar ein Rohdiamant, ein Glücksfall für jeden Filmemacher. Ein ungeschliffenes Juwel, das nur einen Haken hat: „Ich will keine Schauspielerin werden, sondern lieber etwas Bodenständiges machen. Ich will Lehrerin werden!“, sagt Vanessa. Schauspielern will sie nur nebenbei, aus Spaß an der Freude, ohne ernsthafte Ambitionen und doch schon mit einer gewissen Selbstkritik: „Vieles würde ich gerne noch besser hinbekommen und oft ärgere ich mich auch über mich selbst.“

Was für ein Tiefschlag für den Filmfreund. Da ist endlich mal Jemand, der sich positiv von der breiten Masse mehr oder weniger talentierter Schauspieler abhebt und die deutsche Filmlandschaft auf seine ganz spezielle Art und Weise bereichern könnte, und dann wird nichts draus. Weil dieser Jemand so unendlich normal ist und lieber auf Nummer sicher geht! Das ist fast schon ein Zeichen von Größe.

So groß wie auch ihre Einstellung zu den Filmdrehs. In einigen Szenen musste Vanessa nur mit dem Nötigsten bekleidet vor der Kamera herumlaufen. Von einer 17jährigen erwartet man nicht unbedingt große Worte und Taten in solchen Situationen. Zurückhaltung, Schüchternheit mit einem Hang zur Verklemmtheit, Angst – das ist es wohl, was man von Gelegenheits-Schauspielerinnen in Vanessas Alter erwartet. Auf die Frage des Filmfreundes, wieviel Überwindung solche Szenen kosten, meint sie nur: „Das gehört zum Schauspielern dazu. Man muss sich die ganze Zeit überwinden. Das ist eben die Herausforderung dabei. Und je mehr man sich in die Rolle einfühlt, desto weniger hat man auch ein Problem damit, immer einen Schritt weiter zugehen!“
Unfassbar – ein Neuling ohne Erfahrung, talentiert bis zum Gehtnichtmehr und abgebrüht wie ein alter Hase. Und so etwas wird vermutlich einem breiten Publikum verborgen bleiben!

Einen Schritt weiter, nämlich wieder auf die Suche muss auch der Filmfreund gehen. Menschen wie Vanessa Jordan-Heinrich begegnen ihm nicht alle Tage. Umso schöner, wenn es solche Tage gibt: Ein Juwel entdeckt, das nicht geschliffen werden möchte. Schade eigentlich – oder glücklicherweise!

Wie beruhigend bei aller Euphorie über Vanessa Talent – ein kleines Manko hat der Filmfreund dann doch noch entdeckt: Als es darum ging, für eine Szene einen bestimmten Lidstrich aufzutragen, kam doch wieder der ganz gewöhnliche aufmüpfige Teenager durch, der bei der Auswahl der richtigen Schminke unbedingt ein Wörtchen mitreden möchte!

Wie kann man nur so herrlich normal sein…

Auf-Der-Suche 500hoch

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