Filmperlentaucher

Das Forst der 1920er Jahre wird wieder lebendig

In das Forst der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurückversetzt fühlten sich Schaulustige und Protagonisten am vergangenen Samstag. Kinder mit Schiebermützen spielen auf der Straße, irgendwoher dudelt ein Leierkasten, Gaukler und Feuerschlucker wecken die Aufmerksamkeit der Gören. In historischen Kostümen gekleidete Pärchen flanieren über die Straße, ein Herr begleitet ein etwas aufreizend gekleidetes Fräulein zum Bahnhof. Ein Radfahrer mit Knickerbocker weicht auf dem holprigen Kopfsteinpflaster einer entgegenkommenden Kutsche aus.

Die Forster Heinrich-Werner-Straße mit der Architektur der ehemaligen Textilfabrik C.H. Pürschel im Hintergrund wurde zur Filmkulisse für einen Videofilm, der zum „Steamrose Zeitreise“-Festival im September einladen soll. Dann soll Forst für einem Tag zum Zentrum der Steampunk-Szene werden und mit Bühnenshows, Walking Acts und vielen Mitmach-Aktionen im gesamten Stadtzentrum Besucher aus Nah und Fern anlocken.

Dirk Ruhbach von der Showgruppe „Ravenchild“ und Organisator des Festivals kümmerte sich um den reibungslosen Ablauf der Dreharbeiten. Akribisch wurden die Szenen ausgearbeitet und zusammen mit dem Berliner Kameramann Florian Henniges und den Kleindarstellern die Laufwege der Personen besprochen.
„Ein richtiges Drehbuch oder Storyboard gibt es nicht, wir haben nur das Ablauf-Script und den Aufstellplan“, verrät Florian Henniges. Er ist nicht nur der Kameramann an diesem Tag, sondern auch derjenige, der die Regieanweisungen gibt. Im Hauptberuf ist er Lehrer, hat sich allerdings schon während des Studiums intensiv mit dem Filmen beschäftigt und erstellt mittlerweile unter seinem Label „Flowmotionfilm“ Musikvideos, Kundenfilme oder Beiträge für Social-Media-Plattformen. Mit „Ravenchild“ zusammen drehte er vor einigen Jahren den Kurzfilm „Resurrection“.

Die drei Ur-Forster Bärbel Böttcher, Franz Worrich und Hans-Rainer Engwicht geben der kleinen Geschichte des Werbevideos den Rahmen. Sie laufen in der Einstiegsszene durch den industriell historischen Teil von Forst und erinnern sich dabei an ihre Kindheit. „Wir wollten für diesen Teil des Films bewusst keine auswärtigen Schauspieler, sondern hier in der Stadt verwurzelte Personen, die den meisten Einwohnern auch bekannt sind!“, begründet Dirk Ruhbach die Auswahl der drei Darsteller.

In der nächsten Szene sind die Drei durch einen Zeitsprung zurück eben jene drei Kinder, die auf der Straße spielen und dem emsigen Treiben folgen. Mehrmals lässt Florian Henniges die Massenszene in der Heinrich-Werner-Straße wiederholen, dreht aus mehreren Perspektiven. Der Forster Filmemacher Frank Junge unterstützt ihn dabei mit seiner Kameradrohne und filmt das Geschehen aus der Luft.

Die Dreharbeiten kommen gut voran, Dirk Ruhbach und Florian Henniges freuen sich über die Disziplin am Film-Set. Auch Regina Blaskoda ist ganz entspannt. Ihre beiden Kaltblüter Kissy und Gina ziehen gemächlich die Kutsche und lassen sich von den Passanten nicht ablenken. Lediglich das Surren der Propeller der vor ihnen auftauchenden Drohne sorgt für kurzes heftiges Schnauben. Misstrauisch beäugen die beiden Pferde das große fliegende Gefährt.

Szenen- und Ortswechsel: Das Treiben hat sich auf die Festwiese im Forster Rosengarten verlagert. Dort haben sich die Freunde des Steampunks zu einem Picknick versammelt. Sie kommen alle – ebenso wie die Mitwirkenden des Drehs in der Innenstadt – aus Südbrandenburg und frönen ihrer Leidenschaft – dem Steampunk, basierend auf einer Fantasy-Welt der viktorianischen Zeitrechnung.

Etwas ungläubig und kopfschüttelnd schauen zufällig vorbeikommende Besucher des Rosengartens auf die dunkel gewandeten Leute in ihren merkwürdigen Kostümen. Erst auf den zweiten Blick erkennen sie, dass es sich um Dreharbeiten handelt. Vorgesehen ist die finale Szene des Films: Mit der Kutsche fährt die Forster Bürgermeisterin Simone Taubenek (parteilos), in Begleitung von Dirk Ruhbach, vor und wird von den Besuchern des Picknicks als eine von ihnen stürmisch begrüßt. Kein Wunder, schließlich ist die Bürgermeisterin stilecht gekleidet mit frackähnlicher Jacke, verspielt anmutendem Krönchen im Haar und der szenetypischen Steampunk-Brille. Dann richtet Simone Taubenek ihren Blick direkt in die Kamera und lädt die Zuschauer zum Besuch des „Steamrose Zeitreise“-Festivals am 7. September 2019 nach Forst (Lausitz) ein.

Nach gut 3 Stunden sind alle geplanten Szenen im Kasten. Dirk Ruhbach und Florian Henniges sind zufrieden, dass der Drehplan eingehalten wurde und auch das Wetter mitgespielt hat. Aus dem Filmmaterial wird nun Florian Henniges einen etwa dreiminütigen Film zusammenstellen. „Die reine Arbeitszeit wird dabei zusammengerechnet 1-2 Tage betragen, die einzelnen Arbeitsschritte dagegen werden sich auf mehrere Tage verteilen.“, verrät Florian Henniges. Fertig werden soll der Film möglichst bis zu den Rosengarten-Festtagen. Dann soll er über mehrere Kanäle online gestreut werden und auf den kulturellen Höhepunkt im Herbst hinweisen. Auch eine Ausstrahlung im Stadtfernsehen und über die lokalen Medien ist angedacht.

Mit einem gemeinsamen Gruppenfoto aller Beteiligten und Mitwirkenden fand der spannende Drehtag seinen Abschluß. Insgesamt 40 Mitwirkende vor und hinter der Kamera, zwei Pferde und die mechanische Papageiendame Marie Antoinette bilanziert Dirk Ruhbach nach Drehschluß.

Bereits in gut 3 Wochen gibt es für noch Unentschlossene die Gelegenheit, sich über das Zeitreise-Festival und dieSteampunk-Szene zu informieren. Am 17. Mai wird um 18.00 Uhr im Besucherzentrum des Forster Rosengartens eine Kunstausstellung „Steamrose Zeitreise“ eröffnet. Dann wird es eine umfangreiche Fotoausstellung, Maschinen, Kleidung und viel Wissenswertes zum Thema zu entdecken geben.

 

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