Berliner „Tatort“-Kommissar singt mit Forster Publikum

Fast ein wenig schüchtern betrat Ernst-Georg Schwill am vergangenen Samstag das leine Podest im Forster Pavillon „Genuß und Kunst“. Moderator Lutz Hoff lud mal wieder zu seinem beliebten „Talk im Pavillon“ ein. Über 20 Künstler, bekannt aus Funk, Film und Fernsehen, konnte er zu seiner Gesprächsreihe schon begrüßen. Ernst-Georg Schwill war vor zwei Jahren schon einmal zu einer Buchlesung in Forst. Bereits damals reifte die Idee, ihn zu seinem langen künstlerischen Schaffen auszufragen.

Moderator Lutz Hoff (links) und Ernst-Georg Schwill

Schwill, nach eigenen Aussagen „ Baujahr 1938, geboren 1939“, erzählte von seiner schwierigen Kindheit. Nach dem Krieg lebte er zunächst bei seiner Tante Lotte in einer Berliner Gartenlaube. Für Kinder ein ideales Terrain, die Obstbäume der Nachbarschaft lockten häufig den kleinen Ernst an. Später wurde er zunächst in einem normalen Kinderheim, danach in einem Heim für schwererziehbare Kinder untergebracht.

Für Ernst-Georg Schwill entpuppte sich der Heimaufenthalt unfreiwillig als Glücksgriff – begann doch hier seine großartige Karriere. In die Schule kamen nämlich Leute von der DEFA, die nach Kinderdarstellern für einen Film suchten. Als der kleine Ernst zu den Probeaufnahmen gehen wollte, kam ihm der Umzug in das zweite Kinderheim in die Quere. Kurzerhand schrieb der 12jährige einen Brief an die DEFA, schilderte seine Situation und warum er nicht zu den Probeaufnahmen kommen konnte und bat um einen neuen Termin fürs Vorsprechen.

Mit 14 Jahren wurde „Ernstl“, wie er damals nur gerufen wurde, von Regisseur Gerhard Klein für den DEFA-Film „Alarm im Zirkus“ entdeckt. Klein fand Gefallen an dem talentierten Burschen, besetzte ihn auch für seinen Film „Berlin, Ecke Schönhauser“ und verhalf ihm sogar zu einer Lehrstelle als Filmfotograf im DEFA-Kopierwerk.

Doch Ernst-Georg Schwill wollte lieber schauspielern und studierte von 1957 bis 1960 an der Filmhochschule Babelsberg. Zwischendurch hatte er immer wieder mal kleinere Rolle in Filmen. Sein Mentor Gerhard Klein empfahl nämlich anderen Regisseuren wie Frank Beyer oder Heiner Carow seinen Schützling.

Die Rollen wurden mit der Zeit immer größer, Schwills Bekanntheitsgrad stieg in der DDR. Es folgten unzählige Rollen in Fernsehfilmen und -serien.

Im Gegensatz zu vielen seiner Ostkollegen brachte die Wende keinen großen Abbruch der Karriere. So spielte er in den Serie „Für alle Fälle Stefanie“ und „Mama ist unmöglich“ mit. 1999 erfolgte sein Einstieg in den Berliner „Tatort“, wo er den Assistenten Lutz Weber spielte. „Ich war der Diener zweier Herren, was gibt es Schöneres?“, fragte Schwill ins Publikum und erzählte die eine oder andere Anekdote von den Dreharbeiten. Zu seinen Nachfolgern im Berliner „Tatort“ hat er Ernst-Georg Schwill eine gespaltene Meinung. Heute seien die Fälle so verworren, daß der Zuschauer gar nicht mehr so richtig wisse, wer eigentlich der Täter ist. Zu seiner „Tatort“-Zeit waren die Fälle klarer strukturiert. Auch nerve es ihn, dass die Bettgeschichten der Kommissare scheinbar wichtiger seien als die Ermittlungsarbeit. „Liebesszenen müssen geschickt gemacht sein! Sind sie nicht geschickt gemacht, sind Kameramann und Regisseur nur Voyeure, die mal die nackten Brüste die Hauptdarstellerin sehen wollen!“.

Überhaupt hält „Schwilli“, wie er von Lutz Hoff immer genannt wird, mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg. Egal ob zum Dieselskandal oder zur aktuellen Bundesregierung – Ernst-Georg Schwill spricht aus, was viele im Raum denken und erntet dafür Beifall.

Dass Moderator, Gesprächsgast und Publikum eine gemeinsame (Ost-)Vergangenheit besitzen, zeigte sich in einer anderen Szene: Schwill liest aus seinem Buch „Icke, meine und andere Tatorte“ die Episode vor, wie seine Enkelin bei Textproben im Hause Schwill das Arbeiterlied „Partisanen vom Amur“ hörte und den Opa zur Geschichte dieses Liedes ausfragte. Schwill stimmte zur Erinnerung im Pavillon kurz die Melodie an, als plötzlich die meisten Zuschauer einstimmten und textsicher die erste Strophe des Liedes zu Ende sangen.

Auf die Frage, ob der 80. Geburtstag im nächsten Jahr groß gefeiert werde, antworte Ernst-Georg Schwill in seiner bekannten humorvollen Art: „Ick gehe mit Familie und Freunde in ein Lokal schön essen. Wer kommt, der kommt. Wer nicht kommt, der braucht auch nicht zu gehen!“. Es sind diese beiläufigen Bemerkungen, die den Künstler so sympathisch machen und nah ans Publikum rücken lassen. So hat er auch keine Probleme damit, sich statt einer Zugabe weiter von den Gästen ausfragen zu lassen und weitere Anekdoten aus seinem Buch vorzutragen, ehe er anschließend auch noch fleißig Autogramme schreibt und sein Buch signiert.