Mitten in Deutschland: NSU

Mit der Spielfilm-Trilogie „Mitten in Deutschland: NSU“ versucht Das Erste, sich dem Thema „rechtsextremer Terror“ zu nähern.

Aus drei verschiedenen Blickwinkeln – dem der Täter, dem der Opfer und dem der Ermittler – will die Gemeinschaftsproduktion von WDR, SWR, BR, MDR und ARD Degeto Antworten finden auf die Frage, wie es soweit kommen konnte, daß zehn Morde, mehrere Sprengstoffanschläge und mindestens 15 Raubüberfälle jahrelang nicht aufgeklärt wurden, obwohl die Täter im Visier der Ermittler waren. Wie groß ist das Versagen der zuständigen Ermittlungsbehörden? Und wie konnte es überhaupt zur Radikalisierung der 3 Haupttäter Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos kommen?

Die Handlung der Trilogie basiert auf jahrelangen Recherchen, Materialien der Untersuchungsausschüsse, Zeugenbefragungen. Der zweite Teil basiert zudem auf dem Buch „Schmerzliche Heimat“ von Semiya Simsek. Ihr Vater war das erste Mordopfer. Mit dem Schreiben des Buches versuchte Semiya Simsek, die Geschehnisse zu verarbeiten.

Für die Umsetzung des Stoffes konnten mit Züli Aladag, Florian Cossen und Christian Schwochow herausragende Regisseure gewonnnen werden, die zugleich Teile ihrer eigenen Geschichte in die Filmgeschichte einbringen.

Auch die Haupt- und Nebenrollen wurden namhaft besetzt. So agieren u.a. Tom Schilling, Florian Lukas, Ulrich Noethen, Sylvester Groth, Andrè M. Hennicke und vor allem Anna Maria Mühe in der Rolle der Beate Zschäpe vor der Kamera.

Produzenten sind Gabriela Sperl, Quirin Berg und Max Wiedemann.

Folge 1: Die Täter – Heute ist nicht alle Tage

Regie: Christian Schwochow
Darsteller: Anna Maria Mühe, Albrecht Schuch, Sebastian Urzendowsky, Nina Gummich

Albrecht Schuch, Anna Maria Mühe, Sebastian Urzendowsky, Christian Schwochow

Albrecht Schuch, Sebastian Urzendowsky, Anna Maria Mühe und Regisseur Christian Schwochow

Folge 2: Die Opfer – Vergesst mich nicht

Regie: Züli Aladag
Darsteller: Almila Bagriacik, Tom Schilling, Andrè M. Hennicke, Orhan Kilic

Andre M. Hennicke, Züli Aladag, Almila Bagriacik, Tom Schilling

Andre M. Hennicke, Regisseur Züli Aladag, Almila Bagriacik, Tom Schilling

Folge 3: Die Ermittler – Nur für den Dienstgebrauch

Regie: Florian Cossen
Darsteller: Florian Lukas, Liv Lisa Fries, Sylvester Groth, Florian Stetter, Alexander Beyer, Anna Brüggemann, Christian Berkel, Ulrich Noethen

Florian Cossen, Florian Stetter, Sylvester Groth, Alexander Beyer

Regisseur Florian Cossen, Florian Stetter, Sylvester Groth, Alexander Beyer

Geplante Ausstrahlungstermine:

30.März 2016 – 20:15 Uhr
04.April 2016 – 20:15 Uhr
06.April 2016 – 20:15 Uhr

Abgerundet wird das Projekt von der Dokumentation „Der NSU-Komplex – Die Rekonstruktion einer beispiellosen Jagd“ (Ausstrahlung 06. April 2016 im Anschluß an Folge 3)

Bornholmer Straße

Das Erste
Erstausstrahlung: 05.11.2014

Die Geschichte ist bekannt: Am 9. November 1989 holt SED-Politbüro-Mitglied Günter Schabowski während einer Pressekonferenz einen Zettel aus der Tasche und verkündet beiläufig das Ende der DDR-Grenzkontrollen. Kurze Zeit später steht die halbe DDR an den Grenzübergangstellen und begehrt einen Blick in den goldenen Westen. Zu dumm nur, dass man den dortigen Grenzposten keine Anweisungen erteilt hat, wie sie mit der völlig neuen Situation umzugehen haben. Als der Druck der Massen immer stärker wird, entschließt sich Grenzoffizier Harald Jäger, an seinem Grenzübergang „Bornholmer Straße“ den Schlagbaum zu öffnen, ohne zu ahnen, dass er mit dieser Aktion Weltgeschichte schreibt…

25 Jahre später versuchen UFA Fiction, MDR, ARD Degeto und RBB, dieses historische Ereignis fiktional zu verarbeiten. In der Vergangenheit gab es immer mal Höhen und Tiefen, wenn es um filmische Vergangenheitsbewältigung geht. Den wenigen positiven Ergebnissen wie „12 heißt Ich Liebe Dich“ stehen auch einige weniger gelungene Produktionen wie „Weissensee“ oder der ZDF-Film „Das Wunder von Berlin“ gegenüber, die es mit Logik und Detailtreue nicht so genau nehmen!

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Da staunen die Genossen…
Bild: MDR/UFA FICTION/Nik Konietzny
Quelle: MDR/HA Kommunikation

„Bornholmer Straße“ wurde schon im Vorfeld hochgelobt als „emotionale Fernsehunterhaltung“ mit besonderer Erzählstruktur und einer „neuen Tonalität“ (Zitate laut Presseheft). Ernsthaft und zugleich humorvoll soll der Film sein.
Herausgekommen ist eine Mischung aus Persiflage und Drama. Die echten Grenzsoldaten, die durch ihr besonnenes Handeln mit dazu beitrugen, dass der Mauerfall ohne Blutvergießen in die Geschichte eingeht, werden sich bedanken, denn in vielen Szenen werden sie zu Witzfiguren der Geschichte degradiert, die sich zunächst erst einmal auf die Jagd nach einem vierbeinigen „Grenzverletzer“ machen. Ein kleiner Hund hatte es gewagt, die Grenzanlagen der DDR unerlaubt zu passieren. Parteisekretär Ulli Rotermund (Milan Peschel), ein Paragrafenreiter vor dem Herrn, nimmt sich der Sache an, sieht er doch in dem kleinen Gesellen eine reale Bedrohung für die Republik. Als wäre er damit nicht schon ausgelastet, futtern ihm die anderen Genossen auch noch seine Kekse weg.
Sicherheitsoffizier Burkhard Schönhammer (gespielt von Max Hopp) will die ganze Angelegenheit mit seiner „Lilly“, einem Scharfschützengewehr, beenden, kriegt aber das große Weinen, als die Meute ihm an die Wäsche will. Und Zollrat Michael Krüger (Robert Gallinowski) rettet sich in die Arme seiner Mutter (Margit Bendokat), die am Grenzübergang für die Pausenversorgung der Soldaten zuständig ist.

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Die Menschenmenge rückt immer näher an den Schlagbaum an der Grenzübergangsstelle Bornhomer Straße. Harald Schäfer (Charly Hübner) ahnt schon, dass er bald eine Entscheidung treffen muss.
Bild: MDR/Nik Konietzny
Quelle: MDR/HA Kommunikation

Oberstleutnant Harald Schäfer (Charly Hübner, dessen Protagonist dem wahren Harald Jäger nachempfunden ist) hat mit Magen-Darm-Problemen zu kämpfen und ruft alle paar Minuten bei seinem Vorgesetzten Oberst Kummer (grandios: Ulrich Matthes) an, um zu erfahren, ob es denn mal einen Befehl gibt. Kummer wiederum wartet selber auf eine Anweisung von ganz oben und ist dem Wahnsinn nahe, weil er auch nicht weiß, was er machen soll. Um Schäfer erst mal zu besänftigen, gibt Kummer ihm den Befehl, den gesunden Menschenverstand walten zu lassen und die größten Schreihälse ausreisen zu lassen, nicht ohne vorher den Personalausweis ungültig zu stempeln, damit die Bürger nicht mehr zurück in die DDR können. Schäfer und seine Genossen freuen wie kleine Kinder und tanzen im Wachlokal, dass sie endlich einen Befehl bekommen haben.Vollends zur Satire wird „Bornholmer Straße“, als der Botschafter aus Mosambik in die DDR einreisen will, von Schusters Magen-Darm-Problemen erfährt und durch Handauflegen Schäfer kuriert.

Und dann ist da noch die obligatorische Liebesgeschichte, ohne die heutzutage wohl keine zeitgeschichtliche Verfilmung mehr auskommt. Oberfeldwebel Axel Hoffmann (Ludwig Trepte) macht seinen Dienst vor dem Schlagbaum, als plötzlich seine Freundin mit dem ach so typisch ostdeutschen Namen Melitta (Jasma Fritzi Bauer) auftaucht. Sie reiht sich in die Menschenmenge ein und fordert wie alle anderen „Macht das Tor auf!“. Als auch Melitta die Möglichkeit hat, auszureisen, weigert sich Axel Hoffmann, die Tür zum Ausreisepunkt zu öffnen – weiß er doch, dass Melitta nicht mehr zurück kommen darf und seine große Liebe für immer im Westen bleiben muss
Sein Glück ist, dass Oberstleutnant Schäfer irgendwann dem Druck der Massen nachgibt und den Schlagbaum öffnet. Der Rest ist Geschichte und wird durch das Abschalten der Monitore im Lagebüro noch einmal deutlich vor Augen geführt.

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Manfred (Thorsten Merten) Monika (Ursula Werner); Ines (Katharina Lorenz) und Melitta (Jasna Fritz Bauer) fordern vor dem Grenzübergang mit vielen anderen die Öffnung des Schlagbaums und warten auf eine Reaktion der Grenzsoldaten.
Bild: MDR/Nik Konietzny
Quelle: MDR/HA Kommunikation

Christian Schwochow führte bei „Bornholmer Straße“ Regie und verfilmte das Drehbuch seiner Eltern Heide und Rainer Schwochow, die 1989 an genau diesem Grenzübergang Zeugen der Ereignisse wurden. Das grandiose Darstellerensemble (in weiteren Rollen sind u.a. Ursula Werner, Frederick Lau, Hermann Beyer und Thorsten Merten zu erleben) rettet den Film. Charly Hübner kommt wie ein tapsiger Bär daher, strahlt dabei Autorität und Verletzlichkeit zugleich aus.
Ulrich Matthes überzeugt als Oberst Kummer, der von seinen Vorgesetzten allein gelassen wird und sich dem Alkohol zuwendet, um sich die aufkommende Krise schön zu trinken.

Ganze Arbeit leisteten die Maskenbilder um Wolfgang Böge. Hilmar Eichhorn als General Werner Geiger war Erich Mielke, dem Vorbild des Filmcharakters, wie aus dem Gesicht geschnitten.

Fazit: „Bornholmer Straße“ hält nicht, was im Vorfeld versprochen wurde, weil sich die Verantwortlichen nicht entscheiden konnten, ob es nun eine Komödie oder eine detailgetreue Verfilmung eines zeitgeschichtlichen Ereignisses werden soll. Die realen Akteure, die im Film eher zu weinerlichen Antihelden gemacht werden, bewiesen 1989 mehr Mut.