Die Zwillinge (Twin Sisters)

TwinSisters_Plakat-D-1Originaltitel: De Tweeling
Niederlande, Luxemburg 2002
Kinostart Deutschland: 07.10.2004

1926: Nach dem Tod ihrer Eltern werden die sechsjährigen Zwillinge Lotte und Anna Bamberg getrennt. Während die an Tuberkulose erkrankte Lotte zu weitläufigen Verwandten in die Niederlande abgeschoben wird, kommt Anna bei Ihrem Onkel Heinrich (Ingo Naujoks) unter. Statt wie alle anderen Mädchen in ihrem Alter die Schulbank zu drücken, muß Anna auf dem Bauernhof ihres Onkels Schwerstarbeit leisten. Sie wünscht sich so sehr, ihre Schwester wieder zu sehen. Auch Lotte, inzwischen genesen, schreibt Briefe an ihre Schwester. Doch Lottes Pflegeeltern schicken die Briefe nicht ab. Und so glaubt jede der Schwestern, daß der andere Zwilling nicht mehr von Einem wissen will. Hinzu kommt, daß sowohl Onkel Heinrich als auch Lottes Pflegeeltern die jeweils andere Partei schlecht reden…

Zehn Jahre sind aus den kleinen Mädchen bildhübsche Teenager geworden. Aber auch die Zeiten haben sich geändert. Anna (Nadja Uhl) schuftet immer noch für ihren Onkel und verliebt sich in Bernd, einem überzeugten Nationalsozialisten. Als Heinrich von der Beziehung erfährt, schlägt er Anna halbtot. Der Dorfpfarrer findet die bewußtlose Anna und rettet sie aus den Klauen ihrer Verwandtschaft. Anna ist endlich frei und lernt auf an einer Haushaltsschule.

Auch Lotte (Thekla Reuten) hat sich verliebt. David ist der Sohn jüdischer Freunde ihrer Familie. Aber noch immer gibt es keinen Kontakt zu ihrer Schwester.

Wieder vergehen Jahre. Anna hat inzwischen eine Anstellung bei einer Gräfin (Barbara Auer) bekommen. Lotte macht Heiratspläne mit ihrem David. Durch Zufall findet sie in einer Schatulle die nie abgeschickten Briefe an ihre Schwester. Sie stellt ihre Pflegeeltern zur Rede und erfährt die Wahrheit. Sofort beschließt Lotte, Kontakt zu Anna aufzunehmen, um sie zu besuchen.

Trotz großer Wiedersehensfreude bleibt Lotte distanziert zu Anna. Sie bietet Anna an, sie mit nach Holland zu nehmen, damit Anna aus dem nationalsozialistisch regierten Deutschland raus kommt. Anna lehnt ab, verspricht aber Lotte, sie sobald wie möglich zu besuchen. Bei der Verabschiedung verletzt sie unbewußt Lottes Gefühle, als sie abfällig über David, Lottes Verlobten, spricht. Lotte bricht erneut den Kontakt zu Anna ab. Sie merkt, daß sie auf Grund ihrer räumlichen Trennung kaum noch Gemeinsamkeiten haben.

Nach der Besetzung Hollands durch die Deutschen wird David ins KZ verschleppt. Davids Familie findet Unterschlupf bei Lottes Pflegeeltern. Anna heiratet den SS-Mann Martin und macht mit ihm bereits Pläne für die Zeit nach dem Krieg, als sie Nachricht vom Tod ihres Mannes erhält. Auch David hat das KZ nicht überlebt.

1947 macht sich Anna auf nach Holland zu Lotte, die inzwischen Davids Bruder geheiratet und von ihm ein Baby bekommen hat. Lotte weigert sich, mit Anna deutsch zu sprechen. Zu groß ist der Haß auf alles Deutsche. Als sie in Annas Tasche auch noch Annas Hochzeitsfoto mit Martin in SS-Uniform entdeckt, schmeißt sie Anna aus dem Haus und bricht vollständig mit ihr.

Ein halbes Jahrhundert vergeht. Zufällig kreuzen sich die Wege der Schwestern in einem Kurhotel in Belgien. Anna (Gudrun Okras) versucht mit allen Mitteln, mit Lotte (Ellen Vogel) wieder ins Gespräch zu kommen, doch diese blockt weiterhin ab und ignoriert sie, weil sie immer noch Anna für Davids Tod verantwortlich macht. Verzweifelt kämpft Anna um die Liebe ihrer Schwester. Sie folgt Lotte in einen Wald und erreicht zumindest, daß Lotte ihr zuhört. Erst als Anna zusammenbricht, besinnt sich Lotte und versöhnt sich wieder mit ihrer Schwester.

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Nadja Uhl und Thekla Reuten als Schwestern Anna und Lotte

Die Verfilmung des gleichnamigen Bestellers von Tessa de Loo war 2003 der erfolgreichste Film im Nachbarland und wurde zu Recht für den Oscar in der Kategorie „Bester ausländischer Film“ nominiert.

Der Film „Die Zwillinge“erzählt die Geschichte zweier Menschen über Jahrzehnte hinweg und ist gleichzeitig ein beeindruckendes Sittengemäde der damaligen Zeit. Er zeigt dramatisch auf, wie sich zwei Menschen mit scheinbar gleichen Voraussetzungen durch eine unterschiedliche territoriale und soziale Umgebung entwickeln. Auch wenn die Handlung überwiegend während der NS-Zeit spielt, ist es glücklicherweise nicht der xte Versuch, einen Historienfilm über jene Zeit zu drehen. Trotzdem werden dem Zuschauer Geschehnisse und Zusammenhänge der damaligen Zeit anhand des Schicksals der Zwillingsschwestern begreiflich gemacht.

Zum Gelingen des Filmes trägt in erster Linie die Besetzung bei. Der Regisseur des Film, Ben Sombogaart, legte Wert auf Authentizität. So sollten unbedingt deutsche Rollen von deutschen Schauspielern besetzt werden. In Nadja Uhl fand Sombogaart die ideale „junge“ Anna. Die Rolle der jungen Lotte übernahm Hollands Star Thekla Reuten, die bereits in mehreren Filmen ihre Klasse bewies und mittlerweile gesamteuropäisch als Schauspielerin bekannt ist.

Die Rollen der beiden „alten“ Schwestern übernahmen Gudrun Okras und Ellen Vogel, die beide über jahrzehntelange Schauspiel- Erfahrung verfügen. Beide haben zudem die NS-Zeit selbst er- und überlebt und wußten somit genau, wie sie ihre Rollen anlegen mußten.

Die Szenen im Kurhotel bilden dabei die Rahmenhandlung für die eigentliche Geschichte, dem Auseinanderleben der Zwillinge. Um die zeitliche Distanz auch anschaulich zu machen, werden die Szenen der sechsjährigen Kinder in schwarz-weiß gezeigt. Die Jugendzeit der Zwillinge wird zwar mit etwas mehr Farbe, aber überwiegend in Braun- und Rottönen, dargestellt. Lediglich die Szenen der „alten“ Zwillinge blieben unverändert. Weiterer Pluspunkt sind die Beibehaltung der Originaldialoge. So werden die Gespräche der holländischen Akteure lediglich in deutsch untertitelt.

Mit „Die Zwillinge“ gelang Regisseur Sombogaart ein zu Herzen gehendes filmisches Kunstwerk. Trotz einer Filmlänge von 131 Minuten kommt nie Langeweile auf, weil der Film seine Spannung aus dem Schicksal der getrennten Zwillinge und deren Versuch, wieder zusammenzukommen, bezieht. Ein beeindruckendes Meisterwerk mit einem dramatischen Blick auf die deutsch-holländische Geschichte.

Auszeichnungen:
2003 OSCAR-Nominierung “Bester ausländischer Film”

Alle Bilder: © Kinowelt

Filmkritik veröffentlicht:
20.11.2008 Zelluloid klein

Verrückt nach Emma

Erstausstrahlung: 10. März 2008, 20:15 Uhr

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VerrŸückt nach Emma

Anja Kling spielt in „Verrückt nach Emma“ eine ehemalige Gefängnisinsassin, die das Leben ihres Bewährungshelfers Franz Berger komplett durcheinander bringt.
© ZDF/Volker Roloff (Quelle: ZDF)

Franz Berger (Armin Rohde) ist Bewährungshelfer und kümmert sich Tag und Nacht um seine Klienten. Darunter leidet nicht nur sein Schreibtisch, auf dem sich die Akten stapeln, sondern auch seine Familie. Kein Wunder, daß Franz langsam die Kontrolle verliert, zumal sich seine Kundschaft an die Tochter (Jil Funke) ranmacht oder den Deckel in der Stammkneipe nicht mehr bezahlen kann. Und sein Chef (Arnfried Lerche) droht mit der Versetzung in die hinterste Provinz.

Da kommt die frisch aus dem Knast entlassene Emma Schulze (Anja Kling) zum völlig unpassenden Zeitpunkt! Was Franz bis dahin noch gar nicht weiß: Emma ist zwar eine liebenswerte Person, aber eine wandelnde Katastrophe, ein „menschgewordener Tornado“, eine Gefahr für ihre Umwelt. Und entlassen wurde sie nur, weil das Aufsichtspersonal verletzungsbedingt immer weniger und die Schäden im Gefängnis immer größer werden.

Daß Franz mit Emma überfordert ist, merkt er erst, als sie bei ihm einziehen muß – und seine Frau (Anica Dobra) auszieht. Emma gibt sich wirklich Mühe – kann ja mal passieren, daß der Wellensittich im Staubsauger verschwindet…

Es gibt nur eine Lösung für Franz: Emma muß wieder raus aus der Wohnung. Dummerweise plant sie ihren Neuanfang mit einem Banküberfall. Und ehe Franz das Schlimmste verhindern kann, steckt er selber mit drin und ist mit Emma auf der Flucht vor der Polizei. Und damit fangen Franz‘ Probleme erst so richtig an.

Wer meint, das ist erst der Auftakt für eine rasante Komödie, kommt zu spät, denn gleich von Beginn an geht es zur Sache. Mr. Chaos trifft Mrs. Katastrophe. Ein „Zwischenfall“ jagt den nächsten, der Film hat Tempo und vor allem viel Humor, manchmal hart an der Grenze zum Slapstick.

Armin Rohde spielt einen Mann, der kurz vorm Explodieren ist. Ein Mann mit viel Herz, großer Schnauze, viel Hektik und immer kurz vorm Herzinfarkt. Ein spielfreudiger Schauspieler in Höchtform, assistiert von einer gleichwertigen Anja Kling und umgeben von gut aufgelegten Schauspielkollegen. Neben Rohde und Kling spielen Anica Dobra die schöne, aber frustrierte Ehefrau von Franz, Peter Franke (der Sepp Herberger im „Wunder von Bern“) als Polizeichef, der als Einziger den Durchblick behält, und Ingo Naujoks als Emmas Ex, der ungewollt von Franz und Anna ausgetrickst wird und plötzlich der Hauptverdächtige im Banküberfall ist.

Eine kleine aber feine Rolle blieb für Waldemar Kobus übrig, der einen ziemlich trinkfesten Ex-Knacki spielt. Und wer genau hinschaut, entdeckt auch Elena Uhlig („Alles auf Zucker“, „Mit Herz und Handschellen“) in einer Gastrolle.

Das ganze Tohuwabohu wird umrahmt von einem fetzigen Soundtrack mit ein paar lange nicht mehr gehörten Klassikern der Rockgeschichte.

90 unterhaltsame Minuten – mehr kann man vom Montagsfilm des ZDF nicht erwarten.

Die Rollen und ihre Darsteller

Emma Schulze – Anja Klink
Franz Berger – Armin Rhode
Bernd – Ingo Naujoks
Marianne Berger – Anica Dobra
Finn – Max Wächter
Ina – Jil Funke
Gregor Gruber – Peter Franke

Stab

Regie: Ulrich Zrenner
Drehbuch: Christian Schnalke
Kamera: Johannes Kirchlechner
Szenenbild: Pierre Pfundt
Originalmusik: Ludwig Eckmann

Dieser Artikel wurde erstmals am 03.03.2008 auf Zelluloid kleinveröffentlicht.