Filmperlentaucher

Als die „Traumfabrik“ in Forst Station machte und was daraus wurde

Sommer 1932: In der kleinen Stadt Forst herrschte Aufregung und Vorfreude zugleich. Die Universum Film AG Berlin – besser bekannt als UFA – drehte auf der Forster Radrennbahn den Film „Strich durch die Rechnung“. In der Hauptrolle: ein gewisser Heinz Rühmann, damals gerade 30 Jahre alt und noch am Anfang seiner Karriere, die ihn später zu einem der ganz großen Filmstars und Legende des Deutschen Kinos werden ließ. Neben Rühmann spielten noch der ungarische Filmstar Käthe von Nagy, Otto Wallburg, Fritz Kampers und Tony van Eyck in dem Film mit. Zeitgleich mit der deutschsprachigen Version wurde auch eine französische Fassung mit Schauspielern aus Frankreich gedreht. Die internationalen Filmstars übernachteten in Forster Hotels. Auch viele Forster waren als Komparsen an den Dreharbeiten beteiligt.

Im Oktober 1932 fand im Berliner UFA-Filmpalast am Bahnhof Zoo die Uraufführung des Films statt. Die Kritiken lobten den Film. Selbst in den USA wurde der Film gezeigt. Die Forster bekamen „ihren“ Film am 22. November 1932 im „Forster Hof“ erstmals zu sehen. Mehrmals täglich wurde der Streifen in der darauf folgenden Woche im Forster Kino gezeigt.

In den Wirren des 2. Weltkrieges ging der Film verloren.1958 begann man mit ersten Nachforschungen nach dem Verbleib der Filmrollen. Die aus Forst stammenden Filmemacher Christel und Karl-Heinz Kramer fingen 1991 mit intensiven Recherchen an. Anfragen in diversen Filmarchiven und im Bundesfilmarchiv blieben erfolglos. Durch Zufall wurden sie in Russland fündig. In einem dortigen Filmarchiv wollten sie für eine Reportage Szenen über den 2. Weltkrieg ordern. Eher nebenbei erkundigten sie sich dort auch nach „Strich durch die Rechnung“ und fanden die Rarität. Für mehrere 1.000 US Dollar erwarben die Kramers 10 Filmrollen als 35-mm-Filmkopie. Das entspricht 2500m Film.
In ihrem 1995 uraufgeführten Film „Forst – Kleine Stadt ganz groß“ zeigten die Kramers erstmals einige Ausschnitte aus dem Film mit Heinz Rühmann.

„Als wir den Nachlass der Familie Kramer bekamen, befanden sich darunter auch 9 Filmrollen.“, sagt Elena Boßmeyer, Leiterin des Stadtarchivs. Der Schatz sei zu kostbar und zu empfindlich, dass man ihn der Öffentlichkeit präsentieren könnte.

Elena Boßmeyer, Leiterin des Forster Stadtarchivs, mit einer der Kramer-Filmrollen.

Auch Frank Henschel, Heimatforscher, recherchiert schon seit mehreren Jahren nach Überbleibseln jenes Filmes, der Forst für eine kurze Zeit zu einiger Berühmtheit verhalf. Neben den Kramer-Filmrollen befindet sich eine Kopie des Films im Besitz der Friedrich-Murnau-Stiftung, die die Rechte an allen UFA-Produktionen besitzt. Diese Kopie ist allerdings in VHS-Qualität und noch nicht digitalisiert und damit für eine Aufführung nicht geeignet. Bei privaten Sammlern könnten sich noch Kopien befinden. Ebenfalls aus russischen Quellen gelangte Frank Henschel an eine recht brauchbare Kopie. „Die Minuten 19 bis 29 sind leider ohne Ton.“, so Henschel. Doch die fehlenden Dialoge lassen sich rekonstruieren. Wieder hilft der Zufall: „Seit 90 Jahren befindet sich im Bestand des heutigen Museums ein Drehbuch des Films.“, sagt Michaela Zuber, Leiterin des Brandenburgischen Textilmuseums. Glücklichen Umständen ist es zu verdanken, dass das Drehbuch den Krieg ohne größere Schäden überstand. 60% der fehlenden Dialoge werden nun mit Hilfe der Dialogseiten des Drehbuches in die vorhandene Filmkopie eingearbeitet. Denn Frank Henschel hat Großes vor: der Organisator der Geschichtsstammtische des Forster Museumsverein hat bei der Murnau-Stiftung angefragt und die Rechte für eine einmalige nicht kommerzielle Aufführung bekommen. „Wir werden den Film nicht verändern, sondern die fehlenden Dialoge werden voraussichtlich als Untertitel eingeblendet.“ Filmemacher Frank Junge und Frank Henschel tüfteln beide schon an einer geeigneten Variante.

Michaela Zuber, Leiterin des Brandenburgischen Textilmuseums, mit dem Drehbuch

Im Herbst 2020 wird der Film „Strich durch die Rechnung“ nach 88 Jahren Pause wieder in Forst aufgeführt werden. „Wir nutzen die Geschichtsstammtische im September und Oktober.“, verspricht Frank Henschel. So gibt es am 24. September im „Hornoer Krug“ eine Einführung zum Film mit vielen Hintergrundinformationen zu den Dreharbeiten in Forst und zu den Ereignissen vor, während und nach der Filmproduktion. Am 29. Oktober erfolgt an traditioneller Stelle, nämlich im „Forster Hof“, die Wiederaufführung von „Strich durch die Rechnung“.

Foto ganz oben: Vorstellung der Ideen für die Wiederaufführung von „Strich durch die Rechnung“ – v.l.n.r.. Karin Menzel (Präsidentin PSV Forst), Elena Boßmeyer (Stadtarchivarin), Frank Henschel (Organisator der Forster Geschichtsstammtische), Lars Amenda (Historiker und Buchautor), Frank Junge (Forster Filmemacher)

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